| Nr. 8, April 2007 |

Berliner Straßen erzählen Berliner Geschichte

Treitschke macht Verdruss

von GERHILD H. M. KOMANDER

Seit Jahren wird in Steglitz, jetzt mit Zehlendorf den Bezirk Steglitz-Zehlendorf bildend, um den Namen der Treitschkestraße gestritten. Vordergründig geht es um „Antisemitismus", hinter den Kulissen geht es um Parteipolitik und ein schlecht informiertes Bürgertum. Zehn Jahre nach dem Tod des Staatswissenschaftlers und Historikers Heinrich von Treitschke (1834-1896) erhielt die von der Schloßstraße nach Nordwesten bis zur Paulsenstraße verlaufende Straße am 17. Juli 1906 ihren Namen. Sie trägt ihn heute noch, nach über einhundert Jahren.

Treitschke wäre lieber Politiker geworden. Fast völlige Taubheit hinderte ihn daran. Sein überragender Erfolg als Staatswissenschaftler verschaffte ihm mit 29 Jahren eine Professur an der Freiburger Universität, trotz seiner Schwerhörigkeit. Baden war der erste deutsche Staat, in dem der Liberalismus die regierende Partei stellte. Treitschke war ein Liberaler. Treitschke war ebenso Nationalist. Die schnellstmögliche Einigung der deutschen Staaten zu einem Deutschen Reich unter preußischen Führung war sein politisches Ziel, das er in seinen Schriften propagierte.

„Das Wesen des Staates ist Macht". Solch eine Äußerung gefiel Reichskanzler Otto von Bismarck. Er lud Treitschke ein, als Propagandist für ihn zu wirken. Der Professor ging zögernd darauf ein, denn er liebte seine Unabhängigkeit. Nach Professuren in Kiel und Heidelberg nahm er die Einladung an und schrieb sich in die Rolle des wichtigsten publizistischen Mitarbeiters Bismarcks hinein.

Als Nationalliberaler polemisierte er gegen die Sozialisten, entfachte den Berliner Antisemitismusstreit (1879-1881) durch seinen antijüdischen Artikel „Unsere Aussichten". Sein hohes wissenschaftliches und gesellschaftliches Ansehen nutzte Treitschke, um die latent vorhandene antijüdische Haltung eines großen Teils des Bildungsbürgertums salonfähig zu machen. Die Gebildeten lauschten ihm aufmerksam und ließen sich schnell und nachhaltig beeinflussen.

Der Historiker Ulrich Langer kommt in seiner Biographie über Heinrich von Treitschke zu dem Schluss:

„Eine realistische Einschätzung wird zu folgendem Ergebnis kommen: Treitschkes Werk steht zunächst auf dem Boden deutschen liberalen Denkens, trägt aber seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts zur Diskreditierung der Grundwerte liberalen Denkens (...) bei. Sein jugendlicher Idealismus erstarrt im Alter zur reaktionären engstirnigen Ideologie und bereitet dem Ultranationalismus - bis hin zum Exzeß des Nationalsozialismus - geistig den Weg; (...) Historische Redlichkeit gebietet es trotz alledem, Treitschkes persönliche Wahrhaftigkeit, seine kantige Persönlichkeit und die Darstellungskraft seiner Geschichtsschreibung wie ihre singuläre ,Urteilsfreude' zu würdigen; seine oszillierende Mischung aus Quellenforschung und Parteilichkeit bleibt in der Tat eine Herausforderung für jeden Historiker, der seine Aufgabe ernst nimmt."*

Der Geschichtsunterricht an den Berliner Schulen (gibt es ihn noch?) sollte vielleicht gestrichen werden. Er scheint nicht zu gebrauchen zu sein. Das modische Geschichtsinteresse befriedigen zukünftig selbsternannte Historiker in Funk, Fernsehen, Tagespresse - und Kostümfeste, das klassische wie gehabt die Wissenschaft durch – hoffentlich – allgemeinverständliche Veröffentlichungen. Denn viel gelernt scheinen die Protagonisten des jetzigen Streites um den Straßennamen in der Schule nicht zu haben. Was also wird von der jüngeren Generation in Hinblick auf ihr geschichtliches Wissen zu erwarten sein, da der Umfang des Geschichtsunterrichts stetig abgenommen hat?

Sollten die Berliner Straßennamen nach Maßgabe parteipolitischer Interessen vergeben und erhalten werden? Welche Namen wollen Bürgerinnen und Bürger der Stadt von den Berliner Straßenschilder verschwinden sehen? Die Namen aller Revolutionäre, Militaristen, Ausbeuter, Freidenker? Es gäbe viel zu tun. Warum nicht? Der Bezirk Mitte käme schneller an sein selbst gestecktes Ziel, erst dann wieder Straßen nach Männern zu benennen, wenn genauso viele Frauen auf diese Weise geehrt worden wären. Vielleicht hat auch in Steglitz eine Frau gelebt und gewirkt, deren Name solcher Ehre würdig sei?

*Ulrich Langer: Heinrich von Treitschke. Politische Biografie eines deutschen Nationalisten, Düsseldorf: Droste Verlag 1998, S. 388.

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- © gerhild komander 4/07 -

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