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... wenn er denn das Buch gelesen hätte!

Kirschners Urteil über die preußische Historie von Fritz Jonas ist nicht falsch, betrachtet man diese aus den zeitgebundenen Möglichkeiten eines Lehrers im Deutschen Kaiserreich: Der loyale Unterton glaubt an das Gottesgnadentum der Könige ebenso wie an die menschliche Bedingtheit des Monarchen, die sich seit der „Verbürgerlichung" Friedrichs II. durch die Berliner Aufklärung als populäre Auffassung der Bevölkerung von seinem Herrscher durchgesetzt hatte. So werden die Schwächen als menschliche, die Stärken als königliche Eigenschaften betrachtet.

Eine Methode, die – fast – allen Hohenzollernfürsten die Aufnahme in die Riege der erfolgreichen Herrscher in Brandenburg-Preußen erlaubt und damit dem dynastischen Gebot der Kontinuität als Machtgrundlage genügt. Am 30. Januar 1901 wurde die Vorlage des Magistrats zur Verteilung der „Preußischen Geschichte" von Fritz Jonas an die Schüler der Berliner Gemeindeschüler wurde noch am 30. Januar 1901 von der Stadtverordneten-Versammlung angenommen. Die erste Hürde der vom Magistrat gewünschten Beiträge der Stadt Berlin zu den Feierlichkeiten des zweihundertjährigen Ordens- und Krönungsjubiläums im Jahre 1901 war genommen.

Später stellte sich heraus, daß Kirschner die von ihm empfohlene Schrift nur flüchtig durchgesehen hatte. Nachdem zumindest einige Stadtverordnete das Buch von Jonas gelesen hatten, ergab sich die peinliche Situation, daß übersehen worden war, daß Jonas die Sozialdemokraten für die Attentate auf Wilhelm I. verantwortlich machte, was die Billigung Kirschners nicht gefunden hätte, wie dieser beteuerte, wenn er denn das Buch gelesen hätte! [11]

 

Auf ebenso heftigen Widerstand wie die Vorlage zur Bewilligung von 5 600 Mark zu obengenanntem Zweck stieß die Vorlage Oberbürgermeister Kirschners zur „Errichtung einer Stiftung zur Beschaffung billiger und gesunder Wohnungen für minder bemittelte Einwohner Berlins." Ausgestattet mit einem Kapital von einer Million Reichsmark sollte die Stiftung vorbildlich wirken auf die Qualität der künftig vermehrt zu errichtenden Kleinwohnungen. Nicht Almosen wolle man geben, betonte Kirschner, „wohl aber Minderbemittelte durch Gewährung gesunder Wohnungen zu einem angemessenen Preise in ihrer wirthschaftlichen Selbständigkeit (zu) erhalten und dadurch vor wirthschaftlichem Verfall" schützen. [12]

 

Die Kärglichkeit der Sache durch einen pompösen Namen verhüllen

Natürlich war es nicht die liberal-fürsorgliche Absicht Kirschners, dem Wohnungsmangel in Berlin entgegenzutreten, der dieses Mal die sozialdemokratischen Stadtverordneten empörte.
Nein!

„Mit Rücksicht darauf, daß es für die Hauptstadt des Königreiches Preußen angezeigt sein dürfte, den für unser Vaterland und unsere Stadt hochwichtigen Tag, an welchem das Königreich Preußen 200 Jahre besteht, in angemessener Weise auszuzeichnen und zu feiern, haben wir beschlossen, die beabsichtigte Stiftung zum Andenken an den 18. Januar 1701 als Jubiläums-Stiftung zu errichten und ihr den Namen des Gründers des preußischen Königreiches beizulegen. Um der Bürgerschaft die Möglichkeit zu geben, sich an dieser Jubiläums-Stiftung zu betheiligen, wollen wir diese in einem Ausrufe zur Beisteuer für die Stiftung auffordern." [13]

Der Verknüpfung der sozialen Tat mit dynastischen Ehren wollte man von sozialdemokratischer Seite widerstehen. Dementsprechend äußerte sich der Stadtverordnete Hugo Heimann:

„Meine Herren, was hat [sic!] König Friedrich I. und das 200jährige Bestehen des Königreichs Preußen mit der sozialen Verpflichtung der Stadt Berlin zu thun, anerkannten Mißständen auf dem Gebiete des Wohnungswesens entgegenzutreten? Nichts! Es wäre denn, daß der Magistrat den Wunsch hätte, die Kärglichkeit der ganzen Sache durch einen möglichst pompösen Namen zu verhüllen, und das Bedürfnis fühlte, eine Reverenz nach oben hin zu machen, und nun geglaubt hat, da die Wohnungsfrage nun einmal im Vordergrunde des öffentlichen Interesses in Berlin steht, am besten hier einhaken zu können." [14]

Heimann stellte im Namen seiner Fraktion die Forderung nach städtischem Wohnungsbau, städtischer Wohnungsbauinspektion und einem städtischem Wohnungsamte mit Wohnungsnachweis auf. Die dürftige Antwort Kirschners, der sehr wohl „eine Reverenz nach oben hin" nötig hatte, versagte ihm doch Wilhelm II. lange Jahre die Bestätigung als Oberbürgermeister der Stadt, lautete, die Stadt wolle sich wohl um die Wohnungsfrage bemühen, könne aber nicht als Unternehmerin auftreten und erntete doch die mehrheitliche Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung.

Wohl wissend, daß etwa 45 Prozent der in Berlin anwesenden Bevölkerung sich mit 6 bis 14 Personen in Einzimmerwohnungen drängte, erläuterte Kirschner den Sozialdemokraten den „fehlenden" Zusammenhang der vorgeschlagenen „König Friedrich-Stiftung" mit dem Kronjubiläum der Hohenzollern:

„Wer historische Kenntnisse hat, wird wissen, daß sich gerade die preußische Monarchie vielfach der Nothleidenden und Bedrängten angenommen hat, und daß es ein echt preußischer Gedanke ist, wenn man Nothleidenden zu Hilfe kommt, daß das vollständig im Geist der preußischen Monarchie ist, wenn man die Gelegenheit zu einer solchen Tat benutzt." [15]

Wie recht er damit hatte, daß diese Art bürgerlicher sozialer Fürsorge die Sympathie des Kaisers fand, zeigen weitere wohltätige Stiftungen, die aus Anlaß des Krönungs- und Ordensfestes errichtet wurden.
Paul Singer löste große Heiterkeit unter den Stadtverordneten aus, als er seinem Vergleich der Berliner Situation mit der Stadt Düsseldorf, wo man zwanzig Millionen Reichsmark für die Wohnungsfrage aufwende, anfügte:

„Man wird an jenen Stellen [bei Hofe] die Empfindung haben: wenn dem Magistrat von Berlin die Gründung des Königreichs Preußen eigentlich nicht mehr werth ist als eine Million, so ist das ein Patriotismus, der die Probe auf den Geldbeutel nicht sehr verträgt." [16]

 

Keine Wohnungen für Berlin

So ernst Kirschner die Angelegenheit nahm, verkannte er doch die Realität zweifach: Das soziale Engagement der Kaiserfamilie beschränkte sich auf Kirchenbau und die Sorge für Kinder und Kranke und wurde zudem vom Engagement der Kaiserinnen und Kronprinzessinnen getragen. Wohnungsbau und Wohnungsnot waren lange schon aus dem herrschaftlichen Blickfeld geraten.

Die Zeiten Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II., die auf Königlichen Befehl ganze Stadtteile hatten erstehen sehen, waren zudem in ihren Verhältnissen in keiner Hinsicht auf die städtischen Belange Berlins um die Wende zum 20. Jahrhundert anzuwenden. Dennoch wurde Kirschners Vorschlag, die Stiftung einem Sonderausschuß zur Beratung zu übergeben, und später auch die Vorlage zur Stiftungsgründung selbst von der Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlung angenommen.

Der Ausschuß, dem unter anderen die Stadtverordneten Mommsen und Singer angehörten, entschied mit 9:4 Stimmen, man wolle mit der Befürwortung der Stiftungsgründung zeigen,

„daß auch die Hauptstadt des Königreiches Preußen und die Hauptstadt des Deutschen Reiches diesen Tag als einen wichtigen Gedenktag der preußischen und deutschen Geschichte ansieht."

Die Einwände der Sozialdemokraten waren wieder einmal überstimmt worden. Paul Singer verglich Friedrich I. mit Ferdinand Lassalle, erntete aber mit seinen Worten, die Sozialdemokraten würden den ersten preußischen König ehren trotz menschlicher Schwächen, die auch Lassalle gehabt habe, und obwohl er König war, wenn Friedrich I. wie Lassalle Großes für das Volk getan hätte, nur Gelächter.

 

Das Statut der König Friedrich-Stiftung wurde am 10. Januar 1901 von der Stadtverordneten-Versammlung angenommen, mußte jedoch im Juni des Jahres abgeändert werden, da der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, von Bethmann-Hollweg, sie nicht als Stiftung des öffentlichen Rechts ansah, sondern als „reine Wohlthätigkeitsstiftung", die der Aufsicht des Polizeipräsidenten zu unterstellen sei. Gleichzeitig mußte Oberbürgermeister Kirschner am 19. Juni vor der Stadtverordnetenversammlung zugeben, daß die finanzielle Entwicklung der König Friedrich-Stiftung nicht gut verlaufen war.

Seit der öffentlichen Bekanntgabe der Stiftungsgründung waren von drei Spendern insgesamt 605 Mark eingegangen. Kirschner machte die Propaganda der Sozialdemokraten dafür verantwortlich,

„denn ihnen ist es zu verdanken, wenn das Kind bei der Geburt todt geschlagen worden ist. (...) Ich bin fest davon überzeugt, wenn nicht die Art der Kritik erfolgt wäre, die wir gehört haben und die dann in der Presse ein Echo gefunden hat, so wäre die Bürgerschaft bereit gewesen, beizusteuern." [17]

Tatsächlich hatte der „Vorwärts" am 15. Januar mitgeteilt, „Singer und Genossen" hätten aufgrund der unhaltbaren Situation im städtischen Familienobdach den Antrag gestellt,

„durch einen Erweiterungsbau des städtischen Obdachs für obdachlose Familien oder durch Herstellung geeigneter interistimistischer Wohnungsräume oder durch Adaptierung eines städtischen Gebäudes für die Aufnahme obdachloser Familien die zur Verfügung stehenden Räume schleunigst ausreichend zu vermehren."

Am 26. Januar druckte der „Vorwärts" die öffentliche Bekanntmachung der König Friedrich-Stiftung ab und kommentierte: „Wie wir hören, wollen die hiesigen Grundbesitzervereine den Anfang im Spenden von Beiträgen machen."

Die sozialdemokratischen Hinweise auf das Wohnungselend eines Großteils der Berliner Bevölkerung störte einerseits den Großmut des Magistrats, der aus seiner liberalen Grundhaltung heraus ernsthaft glaubte, mit einem Kapital von einer Million Mark vorbildlich auf Wohnungsbauunternehmen wirken und dem Wohnungsmangel in Berlin vorbeugen zu können. Andererseits sah man durch die deutliche Charakterisierung der Wohnungssituation von „Singer und Genossen" den feierlichen Anlaß der Gründung der König Friedrich-Stiftung beschmutzt. [18]

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