150 Schluessel Wohin, wenn die Heimat geteilt wird?

Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

 

Am 14. April vor 55 Jahren weihte Bundespräsident Theodor Heuss in der Marienfelder Allee im Süden Berlins ein Haus mit seltsamer Bestimmung ein. Ein Haus, nein, ein ganzes Lager für politische Flüchtlinge entstand im Frühjahr und Sommer 1953.

 

Ein Barackenlager entsteht, vornehmer ausgedrückt: eine Siedlung.

„Diese Siedlung wird in einer Zeit gebaut, in der Berlin in schwerstem politischen Kampf auf Selbstständigkeit und Recht verteidigt. Als Insel der Freiheit im sowjetischen Besatzungsgebiet gewährt Berlin allen denen Zuflucht, die aus politischen Gründen an Freiheit, Leib und Leben bedroht sind. West-Berlin bildet damit die Brücke zum freiheitlichen Westen für alle politischen Verfolgten und Unterdrückten des Sowjetregimes."

 

So steht es in der Grundsteinurkunde, die die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde am originalen Schauplatz aufbewahrt.

„Berlin und die Bundesregierung erbauen diese Siedlung als ersten Sammelpunkt und Durchgangslager für die aus der Zone der Unfreiheit in immer wachsender Zahl hereinströmenden Flüchtlinge. In der festen Zuversicht, dass der Kampf um die Freiheit aller Deutschen endgültig gewonnen wird, errichtet Berlin dieses Notaufnahmelager in Form einer Wohn-Siedlung, die später eine Heimstätte freier und glücklicher Menschen sein soll. Die ganze Planung ist daher auf diese endgültige Verwendung abgestellt."

 

Voller Vertrauen in das eigene Handeln

Offensichtlich hatte im April 1953 niemand unter den Initiatoren eine Vorstellung davon, wie sich die politische Situation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik entwickeln könnte. Voller Vertrauen in die Richtigkeit und Überlegenheit des eigenen Handelns errichtete die West-Berliner Regierung ein Notaufnahmelager in der Form, dass es binnen weniger Jahren als reguläre Heimat für fast dreihundert Familien dienen könnte.

 

„Die Siedlung ist ein Zeuge der engen Verbundenheit Berlins mit den versklavten Brüdern im Osten und der freiheitlichen West des Westens. Seit der Spaltung der Stadt im November Neunzehnhundertachtundvierzig haben bis zum heutigen Tage 77 600 POLITISCHE FLÜCHTLINGE in West-Berlin ihre neue Heimat und mehr als Hunderttausend eine vorläufige Zuflucht gefunden. Berlin zeigt damit, dass es sich der besonderen politischen Verpflichtung bewusst ist, die ihm aus der besonderen Notzeit des Zusammenbruchs Neunzehnhundertfünfundvierzig durch die Zuwanderung und Weiterleitung von Millionen Vertriebener aus den Ostgebieten jenseits der Oder-Neiße-Linie zwangsläufig auferlegt wurde."

 

„Da sitz' ich nun den Kopf voller Sorgen ...", schrieb einer der „Hunderttausend", dichtete wehmütig vor sich hin, die Heimat verlassen, und doch noch zuhause. Vielleicht hatte auch er, dessen Zeilen die Gedenkstätte als eines ihrer Objekte ausstellt, in der Hoffnung, „dass es ja nicht noch schlimmer kommen könne", die Familie verlassen, um sich unter besseren Umständen und an einem besseren Ort wieder mit ihr zu vereinen. Aber die Situation besserte sich nicht, sie verschlimmerte sich. Die Flüchtlingsströme aus der DDR versiegten nicht, sie schwollen nach den Ereignissen im Juni 1953 an.

 

184 198 Menschen verlassen in einem Jahr die DDR

1954 verließen 184 198 Menschen die DDR, 1960 waren es 199 188, 1961 bis zum Bau der Mauer 133 574. Dann verhinderten Stacheldraht und andere Barrikaden den Exitus. Deshalb zählte man im darauffolgenden Jahr nur noch 21 400 Flüchtlinge, dennoch: zu viele als dass die Wirtschaft der DDR diesen Aderlass hätte verkraften können. „Rund vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1990 die DDR in Richtung Bundesrepublik; 1,35 Millionen von ihnen passierten das 1953 gegründete Notaufnahmelager in Berlin-Marienfeld", so heißt es auf in der Erinnerungsstätte.

 

Dort muss man es wissen. Die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde steht für ein besonderes Kapitel Berliner Geschichte. Sie widmet sich der Fluchtbewegung des geteilten Deutschland, beleuchtet die Gründe, die die Menschen veranlassten, ihre Heimat, Freunde, oft die Familie zu verlassen. Wie haben sich die Menschen gefühlt? Was erwartete sie im „Westen"?

 

Zunächst musste das Aufnahmeverfahren überstanden werden. Die Mühen der Integration in die Gesellschaft der Bundesrepublik forderten Mut und Gelassenheit heraus. Schon im Aufnahmelager war es nicht leicht, denn diese Wohnungen waren allen Bemühungen zum Trotz meistens überfüllt. Im Sommer 1953 konnten die Ankommenden 15 Wohnblöcke beziehen, zu denen auch ein Kinderhort gehörte.

 

Maximal vier Quadratmeter Wohnfläche sollten einer Person zur Verfügung stehen. Fünfzig Quadratmeter umfassten die Zweieinhalbzimmerwohnungen, die den großen Teil aller Wohnungen stellten. Dann gab es noch einige Ein- und Dreizimmerwohnungen. Eine der Wohnungen, die eigens für die DDR-Flüchtlinge eingerichtet worden war, ist im rekonstruierten Zustand der fünfziger Jahre zu sehen. Die Wohnblöcke waren so konzipiert, dass sie in fernerer Zukunft einmal Dauerwohnraum stellen sollten.

 

Was ist aus dem Notaufnahmelager geworden?

Die Antwort auf diese Frage gibt ab November eine neue Ausstellung: Die Zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler 1964-2008: eine fotografische Spurensicherung. Sie wird am Donnerstag, den 27. November, um 18.30 Uhr eröffnet und die Nutzung der Häuser in der Zeit dokumentieren, in der der Flüchtlingsstrom aus der DDR versiegte, und Menschen aus anderen Ländern hier eine erste Zuflucht fanden. Im kommenden Jahr wird die Zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler (ZAB), das ehemalige Notaufnahmelager Marienfelde, endgültig geschlossen. Die Ausstellung wird bis zum 31. März 2009 in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde zu sehen sein.

 

Gerhild H. M. Komander

 

Flucht im geteilten Deutschland

Dauerausstellung in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet.
Marienfelder Allee 66-80, 12277 Berlin
Telefon: 030 / 75 00 84 00
Fax: 030 / 75 44 66 34
http://www.notaufnahmelager-berlin.de/

 

Führungen in der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde

Sonntags: 15 Uhr bis etwa 16.30 Uhr
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Kosten für die Führung: 2,50 / 1,50 Euro
Für Gruppen können andere Termine vereinbart werden.

 

Zum Weiterlesen:

Klassenziel Berlin, Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
Unterrichtsmaterial zum Download auf www.cornelsen.de/

 

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2008.

 

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