Preußens Himmel breitet seine Sterne ... Festschrift für Julius H. Schoeps, herausgegegeben von Willi Jasper und Joachim H. Knoll

Julius H. Schoeps ist seit 1992 Professor für Neuere Geschichte - mit dem Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte - und Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums an der Universität Potsdam. Seine umfangreichen Forschungsinteressen und weitgespannte Neugier würdigen zum 60. Geburtstag 53 namhafte deutsche und internationale Autorinnen und Autoren in ebenso vielen Aufsätzen. Die Themen entsprechen den Interessensgebieten des Jubilars.
Die Aufsätze des zweibändigen Werkes gliedern sich in acht Abschnitte: I. Zur Lage der Zeit, II. Zur Geschichte Preußens, III. Zum Verhältnis von Aufklärung und Judentum, IV. Zur Geschichte des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert, V. Zu Antisemitismus, jüdischem Abwehrkampf und deutscher Befindlichkeit, VI. Zum jüdischen Selbstverständnis im europäischen Zusammenhang, VII. Zur Geistes- und Zeitgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, VIII. Zur Biographie (von Julius H. Schoeps).

Da ist zunächst Preußen, ein Feld, das der Vater von Julius H. Schoeps, Hans-Joachim Schoeps (Preußen. Geschichte eines Staates, 1966), über Jahrzehnte bearbeitete. Hier kommt zuerst eine Preußin par excellence zu Wort: Marion Gräfin Dönhoff betrachtet Preußen vom Aufstieg des Landes unter dem Großen Kurfürsten bis zu seinem Niedergang im 20. Jahrhundert.
„In mancher Hinsicht sind gerade die Eigenschaften, die den preußischen Staat aus kargen, provinziellen Anfängen langsam und stetig zu Glanz und Größe in Europa aufstiegen ließen, diejenigen gewesen, die ihn schließlich so unbeliebt gemacht haben. Loyalität dem Herrscher gegenüber, bescheidene Lebensansprüche, äußerste Disziplin und Opferbereitschaft waren das Kapital, mit dem eine Reihe von genialen Regierungschefs diesem Staat zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert einen Aufstieg ohnegleichen ermöglicht hatten.“

Doch, so resümiert Dönhoff, wurden „dieselben Eigenschaften“ unter Wilhelm II. „zum Schrecken Europas. Das Instrument einer autoritätsgläubigen und darum kritiklosen Beamtenschaft, eines an integre Führung gewöhnten und darum gedankenlos gehorchenden Offizierskorps wurde im Zeichen dieser Großmannssucht pervertiert, ohne daß jene es merkten.“

Dem „Preußen“ Ernst von Salomon (1902-1972), 1922 am Attentat auf den Außenminister Walther Rathenau beteiligt, widmet sich Jost Hermand und diskutiert sowohl den politischen Schriftsteller („Die Geächteten, 1931, „Der Fragebogen“ 1951, „Roman aus Preußens galanter Zeit – Die schöne Wilhelmine“, 1965) als auch dessen Beachtung beziehungsweise Nichtbeachtung in der Bundesrepublik Deutschland als bekennenden „Preußen“.

Zum dritten Abschnitt des Buches „Zum Verhältnis von Aufklärung und Judentum“ trägt Dominique Bourel den Aufsatz „Zur Mendelssohn Legende in Frankreich“ bei, Willi Jasper den Text „Lessing und Mendelssohn – Ein Briefwechsel der Freundschaft“ –, um nur die unmittelbar die Berliner Geschichte betreffenden Themen zu nennen.
Die Aufmerksamkeit des lesenden Publikums verdienen selbstverständlich auch die anderen Aufsätze. Hervorgehoben sei der Beitrag von Marianne Awerbusch „Vor der Aufklärung: Die „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln“ – ein jüdisches Frauenleben am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts“. Glückel von Hameln (1646-1724) begegnen wir auch in den Ausstellungsräumen des Jüdischen Museums Berlin.

Den Aufsätzen im vierten Teil der Festschrift „Zur Geschichte des deutschen Judentums im 19. und 20. Jahrhundert“ lassen sich vielfältige Anregungen für die Berliner Geschichte entnehmen. Trudis Goldsmith-Reber berichtet über die Berliner Lyrikerin Gertrud Kolmar (1894-1943), die ihre letzten Lebensjahre im Bayerischen Viertel und in einer der Rüstungsfabriken in Charlottenburg verbrachte und ihr Verhältnis zur Dichtung des russischen Lyrikers Chaim Nachman Bialiks (1873-1934). Unter dem Druck der zunehmenden Menschenfeindlichkeit unter der nationalsozialistischen Regierung und der Dehumanisierung der deutschen Sprache erlernte Gertrud Kolmar ihre Vätersprache Hebräisch, übertrug Gedichte Bialiks in die deutsche Sprache und begann selbst in der hebräischen zu dichten.

Mit der Frage nach Bildern des deutsch-jüdischen Films beschäftigt sich Frank Stern. Die deutschsprachige Filmgemeinschaft vor 1933, so Stern, kannte eine deutsch-jüdische Differenzierung nicht. Das zeigt auch die aktuelle Ausstellung „Pioniere in Celluloid. Juden in der frühen Filmwelt“ im Centrum Judaicum der Stiftung Neue Synagoge Berlin (bis 4. Mai). Wer denkt schon bei Ernst Lubitsch und Fritz Lang an ihre jüdische Herkunft?

Die meisten der etwa 1 500 Mitglieder der deutschen und österreichischen Filmgemeinschaft, die zwischen 1933 und 1938 in die Vereinigten Staaten emigrierten, waren jüdischer Herkunft. Und wenn sie auch Hollywood nicht erfanden, so resümiert der Autor, gäbe es doch vor allem ohne die deutschsprachigen Regisseure der ersten Jahre kein Hollywood. Den Verlust an geistiger und künstlerischer Substanz hat auch dieser Bereich der deutschen Kultur nicht kompensieren können.
Seinem Beitrag zum christlich motivierten Antisemitismus stellt Hans Hillerbrand die sprachliche Differenzierung „Deutsche“ und „Juden“ voran und stellt fest, daß von „christlichen und jüdischen Deutschen“ zu sprechen sei. Doch sei der Sprachgebrauch in Vergangenheit und Gegenwart ein anderer. Dagegen sei die Unterscheidung von Antijudaismus (theologisch) und Antisemitismus (charakterlich-rassisch) in der Literatur mittlerweile akzeptiert. Die naturwissenschaftliche Selbstverständlichkeit, die Menschen als eine Rasse zu betrachten, thematisiert er nicht, sonst entfiele auch der Begriff „rassisch“ für einen korrekten Sprachgebrauch.

Seine historische Darstellung des christlichen Antisemitismus endet mit der Betrachtung der Lebenszeit Adolf Stoeckers (1835-1909), der als Theologe und Politiker in Berlin tätig war, und führt damit unmittelbar in die Berliner Geschichte hinein. Stoecker kam 1874 als Hof- und Domprediger nach Berlin, leitete ab 1877 die Berliner Stadtmission, gründete die Christlich Soziale Arbeiterpartei und gehörte über viele Jahre dem preußischen Abgeordnetenhaus und dem Deutschen Reichstag an. 1890 wurde er von seinem Predigeramt abberufen.

Die Festschrift für Julius H. Schoeps versteht sich auch als ein kritischer Nachtrag zum Preußenjahr, in dem die preußisch-jüdische Geschichte kaum beachtet wurde. Da drängt sich die Frage auf, „warum?“ Schließlich hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm 1671 das Juden-Patent erlassen, das fünfzig jüdischen Familien das Aufenthaltsrecht in Berlin zusicherte. Aus den daraufhin eingewanderten Familien erwuchs in den nachfolgenden Jahrzehnten eine der größten jüdischen Gemeinden Europas, die das wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche und künstlerische Leben der Stadt Berlin und Brandenburg-Preußens nachhaltig prägte.

Preußens Himmel breitet seine Sterne ... Festschrift für Julius H. Schoeps, herausgegegeben von Willi Jasper und Joachim H. Knoll, Beiträge zur Kultur-, Politik- und Geistesgeschichte der Neuzeit, Festschrift zum 60. Geburtstag von Julius H. Schoeps, hg. von Willi Jasper und Joachim H. Knoll, 2 Bände (= Haskala Wissenschaftliche Abhandlungen, hg. vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Band 26), Hildesheim / Zürich / New York: Georg Olms Verlag 2002. 915 S. Mit 25 Abbildungen und einem Anhang mit Verzeichnis der Schriften von Julius H. Schoeps, Literaturverzeichnis und Autorenverzeichnis.

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