Matthias Donath und Gabriele Schulz: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen

Da mag manche(r) staunen: Der Wedding, seit der Bezirksreform wieder in die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen geteilt, und seine Architektur wird in einem umfangreichen Band der Denkmaltopographie der Bundesrepublik Deutschland aus der Sicht der Stadt- und Architekturentwicklung dargestellt. Doch kaum ein Stadtteil Berlins besitzt - außer jenen, die eine mittelalterliche Dorfkirche zu ihren Kostbarkeiten zählen dürfen - ein umfangreicheres Repertoire an Beispielen zur Architekturgeschichte.
Vom Ursprung des Wedding (1251), dem älteren der beiden Stadtteile, hat nichts die Zeitläufte überlebt. Der spätere Weddinghof, im Winkel zwischen Reinickendorfer Straße und Pankstraße gelegen, wurde bereits im 19. Jahrhundert von mehrstöckigen Mietshäusern verdrängt. Das älteste Gebäude des früheren Bezirks ist das 1782 erbaute Kolonistenhaus in der Koloniestraße, das auf die Wiederauferstehung des Wedding im Zusammenhang mit der Gründung zahlreicher Kolonistendörfer unter König Friedrich II. verweist.

Bekannter sind die Vorstadtkirchen Karl Friedrich Schinkels am Leopoldplatz und an der Pankstraße, die in den frühen dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts entstanden. Unbedingt zu nennen sind auch die Überreste des Luisenbades, Ursprung des Gesundbrunnens an der ehemaligen Mühle an der Panke. Hier findet sich ein begehbares Denkmal. Denn seit dem die Um- und Erweiterungsbauten abgeschlossen wurden, begrüßt die Stadtteilbibliothek am Luisenbad lesehungrige Weddingerinnen und Weddinger in alten und neuen Räumen, die eine gelungene Verbindung miteinander eingegangen sind.

Dem Industriestandort Wedding setzten Franz Schwechten und Peter Behrens Denkmäler an der Ackerstraße, dem Gründer der AEG Emil Rathenau setzte Georg Kolbe mit der monumentalen Bronzeschraube ein Denkmal inmitten der Rehberge. Unweit davon die Wohnsiedlung des Architekten Bruno Taut, die Friedrich-Ebert-Siedlung, dessen funktionalen Wohnbauten man überall in Berlin begegnet. So auch am Schillerpark, eine der schönsten Parkanlagen, die die Bundeshauptstadt Berlin zu bieten hat. In der Siedlung Schillerpark, in der Denkmaltopographie dem Englischen Viertel zugerechnet (der Name besitzt keinerlei Popularität), entstanden vor dem Zweiten Weltkrieg Bauten von internationaler Qualität. Sie sind immer ein beliebtes Ziel von Architekturstudenten, genauso wie die Kuben Mies van der Rohes an der Afrikanischen Straße.

Architektur des Historismus gibt es im Wedding in großer Zahl, auch außerhalb der typischen Mietshäuser. Architekturgeschichtliches Interesse treibt so manche Besucher zum Amtsgericht an der Pankstraße, dessen Fassaden und Innenleben sofort an die Burg in Meißen erinnern. Das war gewollt. Ein Beispiel kommunalen Bauens im Stil der Neuen Sachlichkeit ist das Rathaus an der Müllerstraße, errichtet von Friedrich Hellweg. Wenige Jahre später baute Hans Heinrich Müller an der Sellerstraße das Abspannwerk Scharnhorst für die BEWAG. Aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gelangten auf die Denkmalliste Wedding und Gesundbrunnen der Kiosk von 1955, Seestraße 93, die Aula (heute Max-Beckmann-Saal) der Staatlichen Ingenieurhochschule Gauß von Herbert Rimpl und natürlich das Haus Müllerstraße 163, das Kurt-Schumacher-Haus, Sitz des Landesverbandes der SPD.

Am Denkmalbestand im Wedding und am Gesundbrunnen lassen sich ein wesentliches Stück Berliner Geschichte und darüber hinaus mehr als zwei Jahrhunderte Architekturgeschichte (Kolonisation, Industrialisierung und moderner Wohnungsbau, Krieg und Teilung der Stadt, Wiederaufbau und Stadterneuerung) an wichtigen Beispielen ablesen. Dem entspricht die Ausführlichkeit der vorliegenden Denkmaltopographie.

Matthias Donath beschreibt zunächst Geschichte und Stadtentwicklung der beiden Stadtteile. Dann werden in fünf Kapiteln die Denkmale der Rosenthaler Vorstadt, des Gesundbrunnen, des Wedding, des Afrikanischen und Englischen Viertels (Schillerpark) und der Volkspark Rehberge in ihren historischen Bezügen dargestellt. Die umfangreiche Ausstattung mit historischen und aktuellen Photographien trägt wesentlich zum Verständnis aller Leser und Leserinnen bei, unabhängig davon, wie tief man in die Geschichte eintauchen möchte. Die solide Gestaltung ohne jeden Schnörkel erlaubt irritationsfreies Lesen, welch ein Genuß.

Das Bedauern darüber daß das Buch nicht in der Hosentasche zu verstauen ist, um es bei eigenen Stadtspaziergängen bei sich zu haben, währt angesichts der Fülle der architektonischen Entdeckungen nicht lange. Schnell sieht man ein, daß sich die Denkmalgeschichte des Arbeiterbezirks eben nicht in die Tasche stecken läßt. - Ein Hinweis zum Schluß: In einem Punkt ist der Herr Landeskonservator unbedingt zu korrigieren: Der Wedding heißt nicht bloß im Volksmund „der Wedding“. Dieser Stadtteil Berlins hieß niemals anders. Erst die willkürlich nivellierende Sprachregulierung der letzten zehn Jahre will unbedingt den 850 Jahre alten Ortsnamen in ihre Schubladen zwingen.

Matthias Donath und Gabriele Schulz: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Denkmale in Berlin. Bezirk Mitte. Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen, herausgegeben vom Landesdenkmalamt Berlin, Petersberg: Michael Imhof Verlag 2004. 286 S. Mit zahlreichen Schwarzweißabbildungen und einer Denkmalkarte als Beilage. Anhang mit Konkordanz der Straßennamen, Anmerkungen, Bibliographie, Denkmalliste und Register.

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