Unterm grünen Grasen

Die Krolloper, Sitz des Reichstages 1933 bis 1945

 

1. September 1939:  Adolf Hitler verkündet in der Krolloper den Beginn des Zweiten Weltkriegs. 

Viele Gäste der Stadt Berlin staunen über die großzügigen Grünflächen in der Mitte Berlins. Das viele Grün hat zumindest zwei Gründe. Zum einen liegen – historisch von Alt-Berlin aus betrachtete – die Grünflächen meistens am Stadtrand, zum anderen haben die Stadtverwalter nach dem Zweiten Weltkrieg viel Geschichte unter den grünen Rasen gekehrt.

 

Letzteres trifft auf die Krolloper zu, die als wichtiger geschichtlicher Ort am 31. August 2007 in das Stadtbild zurückkehrte. Peer Steinbrück, Bundesfinanzminister für Finanzen, und Dr. Hans J. Reichardt, Historiker und Autor der Geschichte der Krolloper, enthüllten an diesem Tage eine neue Berliner Gedenktafel. Dietmar Arnold vom Verein Berliner Unterwelten e. V. beschreibt im Text die wechselvolle Geschichte des Hauses.

 

Im Tunnel durfte geraucht werden

Das Haus stand einst auf dem Königsplatz, an der dem Reichstag gegenüberliegenden Großen Querallee zwischen Paul-Löbe-Allee und John-Foster-Dulles-Allee am Rande des Tiergartens. Josef Kroll, 1797 in Breslau geboren, errichtete 1843 das größte Berliner Vergnügungslokal – vor dem Brandenburger Tor. Krolls Etablissement bot dem gebildeten Publikum in Sälen, Logen und Zimmern Konzerte, Bälle und Schaustellungen. Im Tunnel durfte geraucht werden (nicht aber etwa auf der Straße).

 

Auguste Kroll, Tochter des Gründers, bewarb sich um eine Theaterkonzession, die sie auch erhielt. Feuer vernichtete das von Ludwig Persius, Carl Ferdinand Langhans und Eduard Knoblauch erbaute Gebäude. Das Haus erstand als Theater neu und ging als Krolloper in die Berliner Geschichte ein.

In den turbulenten Jahren zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wirkten hier Otto Klemperer, Erich Kleiber, Gustav Gründgens. Im Zuge radikaler Einsparungen musste die Krolloper 1931 schließen. Das Haus blieb leer.

 

Der Reichstagsbrand

Dann brannte der Reichstag. Es war am 27. Februar 1933. Die in einiger Entfernung davon gegenüberliegende Krolloper stieg zum „Reichstagsgebäude" auf – als provisorischer Sitz. Am 23. März 1933 stimmte die Mehrheit der anwesenden Reichstagsabgeordneten dem „Ermächtigungsgesetz" zu, mit die nationalsozialistische Diktatur das Ende der Demokratie im Deutschen Reich herbeiführte. Nur die SPD hatte gegen das Gesetz gestimmt. Die KPD musste tatenlos zusehen. Ihre Mitglieder waren längst nicht mehr im Reichstag vertreten, sondern auf der Flucht, im Untergrund, verhaftet.

 

Die Informationstafel zitiert den Zeitzeugen Josef Felder, der vom 23. März 1933 berichtet. Den Vorschlag, dem Reichstagspräsidenten Hermann Göring eine scharfe Note zu übermitteln und dann abzureisen, lehnten die SPD-Abgeordneten empört ab. „Otto Wels wehrte sich ebenso wie der um viele Jahre jüngere Dr. Schumacher energisch gegen ein Fernbleiben von der Sitzung. Die Abgeordnete von Schleswig-Holstein, Luise Schröder [Louise Schroeder], geriet in Erregung. Sie sprang auf und forderte leidenschaftlich: >Keiner darf fernbleiben! Ich gehe hinüber und wenn sie mich in Stücke reißen. Man muß vor aller Welt den Nazis widersprechen und mit Nein stimmen.<"

Im Zweiten Weltkrieg beschädigten Bombentreffer die Krolloper. Die Ruine verschwand bis 1957 unter dem Grün des Tiergartens.

 

Gedenken an ein merkwürdiges Gebäude

Die SPD Bellevue (Berlin-Mitte) und die Gedenktafelkommission der Bezirksverordnetenversammlung Mitte initiierten die Tafel, unterstützt vom Bundesminister für Finanzen Peer Steinbrück, der die Gedenktafel finanzierte, und dem Verein Berliner Unterwelten e. V., der sie gestaltete.

Am 1. September 1939 verkündete Adolf Hitler in der Krolloper den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Am Tag vor dem 68. Jahrestag dieses Ereignisses ist ein weiterer verdrängter Ort deutscher Geschichte wieder sichtbar geworden.

 

Gerhild H. M. Komander

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2007.

 

Auf www.berliner-unterwelten.de kann die Gedenk- und Informationstafel zur Geschichte der Krolloper als Pdf-Datei angesehen und heruntergeladen werden:
http://berliner-unterwelten.de/files/informationstafel_kroll-oper-1.pdf

 

Leseempfehlung:

Hans J. Reichardt: ... bei Kroll 1844-1957, Berlin 1988

 

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