„Lieber Herr Kollege Nagel ..."

Otto Nagel – Bilder und Dokumente im Mitte Museum (zur Ausstellung 2008)

 

In den fünfziger Jahren war das Rauchen noch so populär, dass jemand wie der Künstler Otto Nagel auf einem Selbstbildnis mit Zigarre, in der Wochenzeitschrift „Sonntag" mit Zigarette erschien. Doch das war dann auch eine der wenigen Freiheiten, die Deutschland Ost und Deutschland West gestatteten.

 

Otto Nagel
Geboren am 27. September 1894 in Berlin
gestorben am 12. Juli 1967 in Berlin

 

Freilich, West-Berlin gab sich politisch offen. Josef Hegenbarth, das Mitglied der Deutschen Akademie der Künste (Ost), konnte 1956 auch und ohne Schwierigkeiten in Berlin-West Mitglied der Akademie sein. Aber für eine gemeinsame Feier zum einhundertsten Geburtstag des Kollegen Heinrich Zille zwei Jahre später reichte es nicht, so sehr sich der Präsident der Akademie der Künste (Ost) auch bemühte.

 

Otto Nagel hatte es nicht leicht. 1956 bis 1962 hatte er das Amt des Präsidenten inne. Die Ausstellungen der fünfziger Jahre waren große Erfolge. Sozialisten und Kapitalisten, Kommunisten und Imperialisten - wie auch immer man sich nannte und beschimpfte – vereinte Otto Nagel unter einem Dach am Robert-Koch-Platz, denn das Stammhaus der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz war ein Trümmerhaufen.

Wie in alten Zeiten präsentierte er Käthe Kollwitz, Otto Dix und Heinrich Zille. Dass die Deutsche Akademie der Künste (Ost) auch Werke von Künstlern wie Frans Masereel und Franz Radziwill ausstellte, passte der SED-Führung nicht. Alles was sich nicht in das enge ästhetische Korsett der Parteiführung fügte, war 1953 auf der III. Kunstausstellung in Dresden von der Jury aussortiert worden. Alle impressionistischen, expressionistischen und abstrakten Werke durften nicht gezeigt werden.

 

Otto Nagel setzte sich über diesen Eklat hinweg und führte die gesamtdeutschen und stilübergreifenden Ausstellungen fort. Er lud Franz Radziwill ein und schrieb dem Kollegen am 4. März 1955 nicht ohne Ironie: „Sie werden vielleicht einen Schrecken kriegen und an Dresden denken." Aber die Ausstellung in Dresden (1953) sei von der Politik bestimmt gewesen, das sei nun in Berlin nicht der Fall. Und Radziwill kam. Die einzige gemeinsame Publikation der Akademien in Ost- und West-Berlin war dem Thema „Carl Friedrich Zelter und die Akademie" gewidmet und erschien im Jahre 1959.

 

Die Akademie der Künste West-Berlins befand sich damals in Dahlem, in der Musäusstraße 8, noch nicht im Hansaviertel. Von dort erreichte Nagel Ende Februar 1960 ein Brief des Architekten Max Taut, der sich um den Erhalt der Bauakademie sorgte und um Unterstützung bat.

„Wir sind der Ansicht, dass dieses baugeschichtlich so interessante und unersetzliche Gebäude in seiner äußeren Form unbedingt erhalten bleiben müßte, da es ein Alterswerk von Schinkel ist und überraschenderweise eine Abkehrung vom Neoklassizismus bedeutet und in seiner großartigen Einfachheit wegweisend unsere heutige Entwicklung vorausgeahnt hat. (...)

Ich wäre Ihnen aufrichtig dankbar, wenn Sie diese Gesichtspunkte überdächten und versuchten, das Menschenmöglichste zu tun, daß die wenigen in Berlin noch vorhandenen historischen Bauten erhalten bleiben."

 

Sorgfältigst hatte Max Taut, dessen Bruder Bruno Taut 1938 im türkischen Exil verstorben war, die Worte gewählt und auf das noch 1960 moderne Alterswerk Schinkels hingewiesen. Wohlbekannt war die ablehnende Haltung der SED dem „Fürstendiener" Schinkel gegenüber. Otto Nagel, der sich für die historische Bausubstanz Berlins immer wieder einsetzte, hatte keinen Erfolg. Nicht nur die Bauakademie wurde abgerissen, der ganze benachbarte Stadtteil Cölln, der Neue Markt um die Marienkirche, der Alexanderplatz verschwanden unter leeren Straßen und Aufmarschplätzen.

 

Der Künstler Nagel selbst hatte während seines Berufsverbots unter den Nationalsozialisten in den alten Vierteln Berliner Geschichte geatmet und in Pastellen festgehalten. In der Ausstellung ist das Bild „Waisenstraße 1942" zu sehen: eine winklige Gasse im Regen. 1965 schuf Otto Nagel, der von einer sozialistischen Art Bremer Schnorrviertel in Berlin geträumt hatte, eine Reihe Bilder, die den Fischerkiez, sprich: Cölln zeigen. „Abschied vom Fischerkiez" heißen die melancholischen Ansichten. Zwei Jahre später, am 12. Juli 1967, starb Otto Nagel.

Den Wedding hatte er in leuchtenden Ölfarben gemalt, zum Beispiel die Müllerstraße am Bahnhof Wedding mit dem Turm der später, im Zweiten Weltkrieg, zerschossenen Dankeskirche. Der Wedding dankte ihm, auch noch nach dem Mauerbau. Immer blieb ein guter Draht zwischen Otto Nagel und dem Kunstamt Wedding bestehen. War der Künstler doch hier, in der Reinickendorfer Straße 67, am 27. September 1894 geboren worden.

 

Achtzig Jahre später ehrte der Bezirk seinen Künstler dort mit einer Gedenktafel. 1984 stiftete er den Otto-Nagel-Kunstpreis, später eröffnete die Otto-Nagel-Galerie, die 2007 aus Gründen der Sparsamkeit schließen mußte. Das Kunstamt Wedding erwarb über seine Frau Walli Nagel wichtiges Stücke aus dem Nachlaß. Mehrere Ausstellungen mit Werken Otto Nagels konnten im Walther-Rathenau-Saal des Rathauses Wedding und an anderen Orten gezeigt werden.

 

Obwohl Otto Nagel laut „Operativplan" vom 18. August 1961 „zur kulturellen Betreuung der zur Sicherung der Hauptstadt eingesetzten Kräfte der Nationalen Volksarmee, der Volkspolizei und der Kampftruppen" gehörte und sich in vielen Hinsichten als loyaler DDR-Bürger erwiesen hatte, entband ihn die Parteiführung 1962 von dem Präsidentenamt wegen seiner schwankenden ideologischen Haltung und „Tendenzen ideologischer Koexistenz". Der Grund lag vor allem darin, dass sich Otto Nagel erfolgreich um freundschaftliche Kontakte zum „Westen" bemüht hatte.

2007 erwarb die Akademie der Künste Berlin den Nachlass des Künstlers. 16 laufende Meter Archiv- und Sammlungsgut bewahrt nun die Akademie. Wie lange es wohl dauern mag, bis es nach Sichtung des Materials einmal eine Biographie des Malers geben wird?

 

Gerhild H. M. Komander

 

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt", 2008.

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