| Nr. 19, März 2008 |

Fensterplatz bei Möbel Höffner

Von HENNY BEHM

„Zwei Stücken Kuchen? Zwei Stücken hast Du gebracht?" Die alte Dame lächelt, etwas ungläubig, etwas verschmitzt. Es sollte nur ein kleiner Nachtisch sein, nun ist's ein ganzes Kaffeegedeck geworden. Ihr feines Gesicht strahlt. Die grauen Haare sammeln sich am Hinterkopf in einem Lockenkranz, weißer Rollkragenpullover gesellt sich zum grauen, ausgestellten Rock, schmale schwarze Stiefel – ungewöhnlich für eine Frau ihres Alters – und weiße Perlenohrstecker: Dieser Typ alter Frauen ist rar geworden.

Sie steckt die Kundenkarte ins Portemonnaie zurück und das Portemonnaie in die Handtasche. „Zwei Stücken", sagt sie, blinzelt den Mann von unten an und greift zur Kuchengabel. Oft scheint sie das nicht zu tun, so schmal und zierlich wie sie da sitzt.
Nebenan erobern zwei Frauen den freien Fenstertisch.

„Nee, würde ick och nicht mehr machen, nee, würde ick nicht." „Nee, da wer'n die Leute übers Ohr jehauen. Wenn de det pflanzen und jießen läßt, nee, wie kann man so wat machen?"
Den Frauen reichen Wasser und Kaffee und ein kleiner Plausch. Aber erst müssen sie die Stühle zurechtrücken.

Die Schwarzhaarige sieht sich um. Vier ! Stühle gehören hierher. Da ist sie sich ganz sicher. Es ist ein großer Tisch. Sie schaut zum Nebentisch, wo das alte Paar fünf Stühle sein Eigen nennt. Da ist nichts zu holen – oder doch? Ein Stuhl vielleicht? Zwei fehlen ihr. Zur Linken sieht es genauso aus. Die fünf Stühle dort gehören da auch hin.

Rettung in Sicht: Der große runde Tisch in der Mitte des Raumes hat eindeutig zuviel Bestuhlung. Flugs ergreift sie einen von sechs Stühlen und stellt ihn zum auserwählten Tisch. Zufrieden ist sie noch nicht. Ihr Tisch hat erst drei Stühle und braucht einen vierten, bevor die Kaffeerunde beginnen kann. Wo sollen schließlich Jacken, Taschen, Schals und Kopfbedeckungen hin?

Die rothaarige Freundin bringt Wasser und Kaffee, schaut sich gleich suchend um. Auch ihr fehlt noch etwas, richtig, der vierte Stuhl. Ja, dort am Zweier-Tisch ist einer zuviel. Tablett abgestellt und behende den Stuhl ergriffen. So schnell geht das.

„Das Wochenende soll Frühling kommen", sagt die Schwarzhaarige, setzt den Hut ab – ach, das tut man doch nicht. Könnte sie sich nur sehen! Tief hat sich der Hutrand in die schwarzen toupierten Locken eingedrückt und die Frisur zerstört. Ihre Freundin trägt keinen Hut, die Haare stehen dennoch ab. Die Jacken und Taschen, Schals und Hut landen auf den vorderen Stühlen, die Frauen auf den hinteren, den Fensterplätzen. Viel zu sehen gibt es nicht, aber hell ist es.

„Mir fällt ja jedes Mal der Unterkiefer runter", sagt die alte Frau zu ihrem Mann, „wenn ich das höre. Dass die Leute so viel Schulden machen? Das hat's doch früher nicht gegeben. Wir haben immer nur gekauft, was wir auch bezahlen konnten, bis heute." Der Mann nickt, stimmt ihr zu, blättert in der bunten Zeitung, die er eben aufgeschlagen hat. „Ich geh' noch mal runter, dann komme ich wieder hoch", sagt sie. Er nickt.

Drüben schlagen die Goldkettchen Alarm. „Dass die das überhaupt so, ja, ja, also, dass die das überhaupt", der Arm geht auf und nieder und läßt die Armbänder scheppern. „Wenn Du Dich vielleicht gleich umgedreht hättst und wärst auf sie zugegangen?" Die Rothaarige nickt stumm.

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- © henny behm 3/08 -

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