Wo war die Berliner Mauer?

Berlin-Bücher zur Berliner Geschichte und Berliner Mauer

 

Die „Insulaner" sind verschwunden. Von 1948 bis 1961 nahmen sich Olaf Bienert, Ewald Wenck, Joe Furtner, Ilse Trautschold, Edith Schollwer, Günter Neumann, Bruno Fritz, Agnes Windeck, Walter Gross und Tatjana Sais der besonderen Lage West-Berlins an und trugen wie die meisten Menschen im eingemauerten Teil der jetzigen Bundeshauptstadt ihr Schicksal mit Fassung – und mit einer bewundernswerten Portion Humor.

 

„Wo kann ich denn die Mauer sehen?"

„Typisch Berlin" war das. Jedenfalls im „Westen".

1961 – mit dem Bau der Berliner Mauer rund um die westlichen Besatzungszonen Berlins - stellte Günter Neumann das Programm ein. Auch den Insulanern war das Lachen vergangen.

„Wo kann ich denn die Mauer sehen?", fragen Gäste aus Deutschland, Europa, der Welt und wundern sich – 16 Jahre nach dem Einsturz der Berliner Mauer -, daß das Jahrhundertbauwerk aus dem Stadtbild spurlos verschwand.

Endlich, im vergangenen Jahr, brachte der Berliner Senat ein Konzept auf den Weg, daß die Spuren der Berliner Mauer sichern wird. Dieses Konzept wird die materiellen Zeugnisse vor Ort und die Erinnerungen der ZeitzeugInnen verbinden und sowohl die Bedürfnisse der Gäste als auch der jüngeren Generationen der Berliner Bevölkerung, die das nicht erlebten, gerecht werden.

 

Unkundige Checkpoint-Charlie-Verteidiger vertreten ernsthaft den Standpunkt, an der Kreuzung Friedrichstraße und Zimmerstraße liefen die Fäden der Geschichte zusammen. Sie haben die Größe Berlins, die geographische Ausdehnung der Stadt noch nicht erfaßt. Und sie ignorieren das berechtigte Interesse, die authentischen Orte Berliner Geschichte zu erkunden, Neugier und Ausdauer der Menschen, die ein ebenso absurdes wie bedeutendes Bauwerk als Teil deutscher Geschichte begreifen wollen.

Schließlich ging es bei der Berliner Mauer nicht um einen Punkt, einen Ort innerhalb der großen Stadt, sondern um drei Fünftel der Fläche und – in historischen Dimensionen gedacht – um die Teilung der Welt. Da müssen sich alle Beteiligten schon etwas anstrengen.

 

Daß das Publikum diese Herausforderung annimmt, wird rasch deutlich bei einem Blick auf die seit 1990 erschienene Menge an Veröffentlichungen zum Thema Mauer. Zugegeben, ein Blick reicht nicht. Das Interesse an der jüngsten Geschichte ist so groß, daß viele Menschen gern mehr als einen Blick riskieren. Sie suchen im Internet und finden viele Websites, die sich auf das Thema spezialisiert haben. Sie suchen in Buchhandlungen, Bibliotheken und Antiquariaten (da der Buchhandel sich einen Vorrat an älteren, lieferbaren Büchern kaum noch leistet) und entdecken die zahlreichen Titel zur Berliner Mauer.

 

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Berliner Mauerstreifzüge

Im Mai des Jahres 2001 gab die Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin die Broschüre „Berliner Mauerstreifzüge" heraus. Ihr Untertitel lautet: Auf politisch-historischen Spuren entlang des ehemaligen Grenzstreifens.

Das Heft umfaßt bloß 84 Seiten und beinhaltet genug Lesestoff, um vom Ausgangspunkt Potsdamer Platz in dreizehn Etappen die Berliner Mauer zu erkunden – zu Fuß oder mit dem Rad. Die Fahrt mit dem Auto ist nicht angebracht. Nicht weil die „Grünen" die Broschüre herausgeben, sondern weil die Mauer und ihre sichtbaren Reste mit dem Auto nur teilweise erreichbar sind.

165,7 Kilometer lang war die Mauer um West-Berlin, etwa vierzig Kilometer davon verliefen zwischen West- und Ost-Berlin. Michael Cramer, der Erfinder der Berliner Mauerstreifzüge, hat dafür gesorgt, dass viele Menschen diesen besonderen Abschnitt Berliner Geschichte, deutscher und europäischer Geschichte kennenlernen – auf geführten Radtouren und mit der Broschüre im Gepäck auf eigene Faust.

 

Berliner Mauer-Radweg

Allen Radfahrenden, die den Berliner Mauer-Radweg allein erkunden möchten, sei auch das Radtourenbuch aus dem Esterbauer-Verlag empfohlen. Es basiert auf der Broschüre Berliner Mauerstreifzüge, Autor: Michael Cramer. Die bikeline-Reihe des Verlages besticht durch die einander gegenüberliegenden Karten und Texte und das handliche Format.

37 Karten und Erläuterungstexte führen den Mauerweg entlang. Mit diesem Kartenbuch verirrt sich niemand im Häusermeer Berlin, und alle finden spielend den Weg, auf dem die Mauer verlief.

 

Mauerreste – Mauerspuren

Viel Bildmaterial, Photographien und Karten, bietet das Taschenbuch „Mauerreste – Mauerspuren" von Axel Klausmeier und Leo Schmidt, außerdem eine Baugeschichte der Grenzanlagen. Die Autoren führen von Lübars im Norden nach Rudow im Süden die innerstädtischen Mauerspuren entlang. Das 286 Seiten umfassende Buch entstand auf der Grundlage einer umfassenden Dokumentation der Mauerreste im Berliner Stadtgebiet.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gab die Dokumentation im Jahre 2001 beim Lehrstuhl für Denkmalpflege der Brandenburger Technischen Hochschule Cottbus in Auftrag. Kilometer für Kilometer beschreiben die Autoren die Mauerabschnitte und die vor Ort vorhandenen Reste, die Standorte und den Aufbau der Grenzanlagen.

Aufnahmen aus den Jahren vor und nach dem Abriss der Mauer erklären die Situation vor Ort. Karten mit technischen Erläuterungen erlauben es, die genaue Lage von Hinterlandsicherungsmauer, Kolonnenweg, Vorfeldsicherung, Leuchten, Vergitterung zu bestimmen. Was den Unwissenden als harmloser Bürgersteig erscheinen mag, erweist sich als Kolonnenweg inmitten der Grenz-anlage, ein unbestimmtes Fundament als Rest der Hinterlandmauer.

Viele derartige Funde sind immer noch zu besichtigen, denn glücklicherweise ist ein bisschen Geschichte der geteilten Stadt erhalten geblieben. Andernfalls wären wir auf Nachstellungen und Installationen, wie sie sich am Checkpoint Charlie befinden – und befanden – angewiesen.

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Die Mauer um West-Berlin

Peter Trzeciok schrieb ein Buch über die Mauer aus sehr persönlicher Sicht. Im April 1986 begann er, die Mauer um West-Berlin abzulaufen und zu photographieren, in vielen Etappen, in mehreren Jahren. Seine Aufzeichnungen und Photos ergänzte er in der Zeit, als die Mauer zu bröckeln begann und die Grenzanlagen abgerissen wurden. Trzeciok stellte sein ganzes Material im Jahre 2004 in dem Buch „Die Mauer um West-Berlin. Grenzerkundungen 1986 – 2003" zusammen und fügte den abschnitten Karten hinzu, in denen er die Bestandteile der Grenzanlagen einzeichnete, Bahnhöfe und Erinnerungsstätten markierte.

 

Das Buch hat zwei Teile: 1. Von Kohlhasenbrück bis zum Brandenburger Tor, 2. Von Kohlhasenbrück bis zum Brandenburger Tor. Derselbe Titel zweimal: So ist der Autor die Mauer entlang gelaufen. Kohlhasenbrück war sein Ausgangspunkt. Dort entdeckte er im Frühjahr 1986 „eine sehr eigenartige Zone." Er beschreibt sie in der Einleitung.

Die kuriose Entdeckung weckte seine Interesse an der Mauer. Das Interesse verfolgte Trzeciok 18 Jahre lang, mit größeren Unter-brechungen. Die Öffnung des Jahrhundertbauwerks im November 1989 überraschte ihn. Bis 1993 ging er die Grenzanlagen um West-Berlin noch einmal ab, dokumentierte die nun vor sich gehenden Veränderungen und fügte sie in seine Aufzeichnungen ein. Nur wenige Menschen haben sich so intensiv mit der Berliner Mauer befasst. Einer von ihnen, der ein Buch darüber schrieb, hat gleich drei Zeitstufen festgehalten: Die bestehenden Grenzanlagen vor dem 9. November 1989, den Abbau von 1990 bis 1993 und die jüngste Situation im Jahre 2003.

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Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk

Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp haben die innerdeutsche Grenze im Auge, also die, die von der Ostsee nach Bayern verlief: „Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk", mit einem Geleitwort von Rainer Eppelmann. Das Buch erschien 1997 in der ersten Auflage. In diesem Buch steht zu Beginn die „Kleine politische Geschichte der innerdeutschen Grenze". Wenn auch manche Formulierungen überraschen, wenn nicht irritieren, ein Überblick wird hier geboten.

 

Weitere Kapitel widmen sich der Grenzsicherung in den siebziger und achtziger Jahren, dem Leben der Grenzbevölkerung sowie der Bearbeitung der Grenzgeschichte aus historischer Sicht. Im Anhang finden sich eine Liste der Grenzmuseen und Naturschutzprojekte und eine Tabelle zu Fluchtversuchen und dem Grenzsicherungssystem.

Die Grenze zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland war 1 378,1 Kilometer lang. Mit der Mauer um West-Berlin ergibt sich eine Länge von 1438 Kilometern. 38 Jahre lang steckten hunderte, wenn nicht tausende Menschen ihre Arbeitskraft in den „antifaschistischen Schutzwall" und errichteten das der Fläche nach wohl größte Bauwerk auf deutschem Boden. Der Grund: Trotz der massiven Gewaltanwendung brach der Strom der Flüchtenden aus der sowjetischen Besatzungszone und der DDR nicht ab. Der sozialistische Staat drohte zu kollabieren.

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Geteilte Ansichten

„Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze" heißt der Untertitel der Dissertation von Maren Ullrich. In ihrem Buch „Geteilte Ansichten" – mit einem Vorwort von Ralph Giordano – untersucht die Autorin die Deutungsmuster der Grenze vor 1989 im Osten und westen Deutschlands.

Sie beschreibt „Das Verschwinden der Grenze" und die materiellen Erinnerungskulturen nach 1989. Die künstlichen Begriffe „Erinnerungslandschaft" und „Erinnernungskultur" sind sprachlich problematisch, die Fülle des zusammengestellten Materials ist groß.

 

An einem wesentlichen Punkt rührt Maren Ullrich zu Beginn ihrer Analyse: „Eine öffentliche Debatte, wie die deutsche Teilung und ihre Überwindung zu erinnern sei, ist bislang nur in Berlin geführt worden (...)." Tatsächlich hat es eine Diskussion – wie jüngst in Berlin – um die „Fast-Food-Variante der Mauer" (Leo Schmidt, TH Cottbus, in Bezug auf den Checkpoint Charlie) im Bezug auf die innerdeutsche Grenze nie gegeben.

Dass das kulturelle Gedächtnis als kollektive Aufgabe nur funktioniert, wenn die Erinnerungsorte zusätzlich durch sprachliche Überlieferungen gesichert werden, hat die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann überzeugend dargestellt.

Maren Ullrich bezieht die Berliner Mauer und einige Berliner Gedenk-stätten (warum nicht alle?) in ihre Darstellung ein und stellt so allen Menschen, die sich für die Berliner Geschichte und die Erinnerungs-orte der Stadt interessieren, umfangreiches Material und ein Bündel an Fragestellungen zur Verfügung: Musealisierung von Grenzrelikten, Enthistorisierung von Landschaften; Kreuzdenkmäler, Findlings- und Steindenkmäler, Skulpturen und Installationen; Bilder der Absperrung, Bilder der Vereinigung; die Grenze als Souvenir.

 

Tod durch fremde Hand

Im Jahre 2006 erschien das Buch: „Tod durch fremde Hand. Das erste Maueropfer in Berlin und die Geschichte einer Familie". Der Autor heißt Jürgen Litfin. Litfin? Genau, der Bruder des am 24. August 1961 von Grenzsoldaten der DDR erschossenen Günter Litfin.

Günter Litfin war der erste Tote an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze. Bei seinem Versuch aus der DDR zu fliehen, trafen ihn im Humboldthafen mehrere Schüsse. Günter Litfin ertrank. Wäre er nicht ertrunken, wäre er an seinen inneren Verletzungen gestorben.

Jürgen Litfin gründete den Verein Gedenkstätte Günter Litfin e. V. Am 24. August 2003 eröffnete er die Gedenkstätte an einem der drei verbliebenen Grenztürme der Berliner Mauer: Führungsstelle Kieler Eck am Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal, Kieler Straße 2, Mitte. Litfin erzählt in seinem Buch aus dem Leben der Familie, in dessen Mittelpunkt der Tod seines älteren Bruders Günter steht. Er erzählt von den Umständen dieses Todes und seinem Schwur, den Namen des Todesschützen herauszufinden und das Gedenken an diesen Tod wachzuhalten.

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Dokumentationszentrum Berliner Mauer

Am 2. Januar 2007 meldete die Berliner Tagespresse „Besucher-Rekord an der Bernauer Straße". Gabriele Camphausen, die Vorsitzende des Vereins Berliner Mauer, hatte mitgeteilt, dass mehr als 220 000 BesucherInnen im Jahre 2006 das Dokumentations-zentrum Berliner Mauer und die Gedenkstätte in der Bernauer Straße besichtigten. 1998 war die Anlage als nationale Gedenkstätte eröffnet worden. Das Konzept des Berliner Senats, die authentischen historischen Orte an der Bernauer Straße zur zentralen Erinnerungs-stätte auszubauen, geht also auf. Wer Geschichte erleben will, dem ist die Bernauer Straße keineswegs „zu abgelegen".

 

Gerhild H. M. Komander

 

Die Titel

Berliner Mauerstreifzüge. Auf politisch-historischen Spuren entlang des ehemaligen Grenzstreifens, hg. von der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Abgeordnetenhaus von Berlin, 5. Auflage, Berlin 2005. 84 S.

Michael Cramer: Berliner Mauer-Radweg, 3. aktualisierte Auflage, Rodingersdorf: Esterbauer Verlag 2004. 131 S. 9,90 Euro

Axel Klausmeier und Leo Schmidt: Mauerreste – Mauerspuren, Berlin und Bonn: Westkreuz Verlag 2004. 287 S. 14,90 Euro

Peter Trzeciok: Die Mauer um West-Berlin. Grenzerkundungen 1986 – 2003, Berlin: SteikoVerlag 2003. 143 S. 18,80 Euro (nicht mehr im Buchhandel erhältlich)

Jürgen Ritter und Peter Joachim Lapp: Die Grenze. Ein deutsches Bauwerk, 4. Auflage, Berlin: Chr. Links Verlag 2001. 175 S. 34,80 Euro

Maren Ullrich. Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin: Aufbau Verlag 2006. 351 S. 24,90 Euro

Jürgen Litfin: Tod durch fremde Hand. Das erste Maueropfer in Berlin und die Geschichte einer Familie, Husum: Verlag der Nation Ingwert Paulsen jr. 2006. 167 S. 9,95 Euro

 

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