Victoria von Preußen 1840 - 1901, herausgegeben von Karoline Müller und Friedrich Rothe

Victoria ist keine tragische Gestalt! Das ist das Resumee der achtjährigen Beschäftigung des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. mit der Kronprinzessin von Preußen. Als tragische Gestalt betrachtete die Geschichtsschreibung die Frau des Kronprinzen Friedrich (III.). War sie nicht in der Hoffnung, als Deutsche Kaiserin die Politik des Reiches mitzubestimmen und den Liberalismus in Deutschland zu stärken, mit dem Sohn Kaiser Wilhelms I. und seiner Frau Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, deren liberale Haltung über Berlin hinaus von sich reden machte, verheiratet worden? Hatte sie nicht persönlich darunter gelitten, erst von der kaiserlichen Schwiegermutter selbst in caritativen Betätigungen auf den zweiten Platz verwiesen worden zu sein, dann, nachdem sie neunzig Tage hatte Kaiserin sein dürfen, rücksichtslos vom Sohn beiseite geschoben und aus ihrem langjährigen Heim gedrängt? Dreißig Jahre war sie mit dem Kronprinzen verheiratet, ohne je zu herrschen.

Die AutorInnen des vorliegenden Buches sehen es anders.
Die Malerin Rita Preuss (geb. 1924), die ihr Studium als Meisterschülerin bei Max Pechstein an der Hochschule der bildenden Künste zu Berlin absolvierte, hat die Lebensorte Victorias in Brandenburg gemalt. Elke Nord (geb. 1939) hat sie photographiert. Die Stiftung Stadtmuseum hat Leihgaben zur Verfügung gestellt, die das idealisierte Bildnis Victorias den vielen zeitgenössischen Photographien gegenüberstellen (viele andere Leihgeber haben Material zu weiteren Aspekten zur Verfügung gestellt). Ein Fülle zeitgenössischer Photographien, selten so zahlreich versammelt, begleiten die Texte der AutorInnen. Sie widmen sich "Victoria in Berlin, Potsdam und Bornstedt", den Tagebuchaufzeichnungen des Kronprinzen Friedrich, den Besuchen Queen Victorias in Babelsberg, dem Verhältnis Victorias zur Entwicklung der Berliner Museen und zu dem Architekten Ernst von Ihne, um nur einige der Aufsätze zu nennen.

Die außergewöhnliche Leistung dieses Buches über Victoria besteht in der Würdigung des künstlerischen Werkes der Kronprinzessin durch Hildegard Reinhardt. Victoria beschäftigte sich lebenslang mit Malerei - auch Aquarellmalerei -, Zeichnung, kunstgewerblichen Techniken, in den frühen Berliner Jahren auch mit Skulptur. Sie bereiste England und Italien und betätigte sich dabei in Begleitung führender Berliner Künstler und Kunsthistoriker als Sammlerin. Ihr künstlerisches Werk befindet sich großenteils in den Sammlungen ihrer Nachkommen, das heißt in Windsor Castle, in der Hessischen Hausstiftung - Fulda, Kronberg, Wolfsgarten -, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und anderen. Eine Ausbildung hatte sie bereits als junges Mädchen durch William Leitch erhalten.

Prägend wurde der Einfluß von Edward Henry Corbould, der ihre Kinder im Zeichnen unterrichtete. Neben historischen und religiösen Themen und Motiven aus der Welt des Theaters findet man Reisebilder, Stilleben - und dann die vielen Porträts. Porträtstudien von Frauen aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis finden sich in fast allen hinterlassenen Alben.

Auch nach ihrer "Vertreibung" aus dem Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci, wo sie mit Friedrich und den Kindern gelebt hatte, war Victoria künstlerisch tätig. Sie lebte in Bad Homburg und in dem für sie erbauten Schloß Friedrichshof in Kronberg und unternahm Reisen nach Italien, Griechenland und England. Frederick Lord Leighton, einer der populären englischen Maler am Ende des 19. Jahrhunderts, sprach den Werken der verwitweten Kaiserin professionelles Niveau zu. Kronberg entwickelte sich zu ihren Lebzeiten zu einem Künstlerort. Reinhardt würdigt Victoria als "eine typische Repräsentantin des wilhelminischen Eklektizismus". Künstlerische Begabung sprachen ihr viele Zeitgenossen zu. Allerdings bemängelte man gelegentlich ihre unzureichende Ausbildung, wie etwa Richard Schöne, Generaldirektor der Königlichen Museen zu Berlin.

Ein Wort noch zur Gestaltung des Buches. Es ist ärgerlich, wenn über die Abbildungen die Bildunterschriften gezogen werden, die die Abbildungen stören und die Lesbarkeit einschränken.

Victoria von Preußen 1840 - 1901, herausgegeben von Karoline Müller und Friedrich Rothe (= 15. Mitteilung des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V.), Berlin: Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. 2001. 592 S. Mit 243 Schwarzweiß- und 71 Farbabbildungen sowie einem Anhang mit Biographien der AutorInnen, Literaturverzeichnis und Personenregister.

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