Vom Wedding in alle Welt - und zurück

Die Gartenstadt Atlantic

Der Zwickel zwischen Behm- und Bellermannstraße war zu eng, die Umgebung lange schon zu dicht bebaut, um hier tatsächlich eine Gartenstadt entstehen zu lassen. Diesen Namen verdient sich die Wohnsiedlung durch die großzügige Begrünung durch Grünflächen vor den Häuserblöcken und Gartenanlagen in den Höfen, die unbebaut blieben.

 

Stadtführung zur Gartenstadt Atlantic:
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Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts galt der Spruch „Vom Wedding in alle Welt" den Exporten der Metall-, Maschinen- und Elektroindustrie. Die Industriegeschichte des Wedding ist zu Ende. Doch herrscht seit einigen Jahren Aufbruchstimmung. Wesentlich dazu beigetragen hat die behutsame Sanierung und Restaurierung der Gartenstadt Atlantic am Gesundbrunnen.

Die große Anstrengung, die die Gartenstadt Atlantic AG mit allen Beteiligten unternahm, wird nun belohnt: Der UNESCO-Welttag der kulturellen Vielfalt wird erstmals in Deutschland, in Berlin, stattfinden. Und wo genau? Im Wedding, in der Gartenstadt Atlantic. Am 12. Mai wird von 12 bis 23 Uhr rund um die Behmstraße gefeiert. Wir haben es ja gewusst: „Der Wedding kommt wieder" und „anders" sowieso.

 

Eine Gartenstadt im "Arbeiterbezirk" Wedding

 

1925-28 erbaute Rudolf Fränkel für die Export-Import-Handelsgesellschaft Atlantic die Gartenstadt Atlantic auf dem dreieckigen Areal zwischen Behm- und Bellermannstraße am Bahnhof Gesundbrunnen. Der Architekt, der am 14. Juni 1901 im oberschlesischen Neisse / Nysa (Polen) geboren wurde, katapultierte sich mit seinem Entwurf, insbesondere dem zugehörigen Kino Lichtburg, in die Riege der führenden Berliner Architekten des Neuen Bauens in Berlin und trug dazu bei, dass sich Berlin in den zwanziger Jahren zur Hauptstadt der avantgardistischen Architektur entwickelte.

Der Zwickel zwischen Behm- und Bellermannstraße war zu eng, die Umgebung lange schon zu dicht bebaut, um hier tatsächlich eine Gartenstadt entstehen zu lassen. Diesen Namen verdient sich die Wohnsiedlung durch die großzügige Begrünung durch Grünflächen vor den Häuserblöcken und Gartenanlagen in den Höfen, die unbebaut blieben.

 

Heidebrinker und Zingster Straße erschließen das Gelände der Gartenstadt Atlantic in sanften Bögen von Norden nach Süden. Die Bebauung folgt den Straßenfluchten weitgehend in einer strengen Blockrandbebauung. An der Ecke Bellermann- und Behmstraße zog Fränkel den Wohnblock ein. So korrespondiert die Ecke mit der der gegenüberliegenden Blöcke. In der Heidebrinker Straße springt die langgestreckte Fassade ehrenhofartig zurück und schafft dadurch einen straßenseitigen und einen dreigeteilten rückwärtigen Hof. An der Behmstraße setzte der Architekt die Häuser um die Tiefe der Wohnblöcke zurück und ließ Vorgärten anlegen – ein Kunstgriff, mit dem er das Lichtspielhaus Lichtburg an der Ecke von Behmstraße und Heidebrinker Straße städtebaulich plazierte.

Fränkel gab den fünfstöckigen Bauten sachliche Putzfassaden mit liegenden Fenstern, flachen Satteldächer und hof- und straßenseitigen Lauben. Allein die Hauseingänge erhielten dekorative Elemente im expressionistischen Stil. Wenig sachlich erschien die ursprüngliche Farbigkeit des Putzes: im Erdgeschoß violett, die folgenden Geschosse lichtgrün. Die Hauseingänge waren grau, die Lauben gelb gefasst.

38 000 Quadratmeter Wohnfläche verteilen sich auf 49 Aufgänge und fünfhundert Wohnungen mit 28 Grundrißtypen. Auf der Ostseite der Bellermannstraße errichtete Rudolf Fränkel 1927-29 für die Kaufleute Josef und Fritz Siegbert eine weitere Wohnanlage, die sich bis in die Eulerstraße erstreckt und architektonisch auf die Gartenstadt Atlantic bezieht.

 

Licht über dem Gesundbrunnen

Die Gartenstadt Atlantic war nie nur eine Wohnsiedlung. Ladengeschäfte und ein Lichtspielhaus gehörten von Anfang an zur Konzeption. Architektonischer und kultureller Höhepunkt war die Lichtburg, das Kino, das unter seinem Pächter Karl Wolffsohn und mit über 2 000 Sitzplätzen, Restaurants, Bars und Tanzsälen Kinogeschichte schrieb.

Wolffsohn und sein Verlag Lichtbildbühne zählten zu den Pionieren der internationalen Filmpublizistik. Das schützte den Pächter nicht – wie auch den Architekten Rudolf Fränkel – vor der Verfolgung und Enteigung durch die Nationalsozialisten. Fränkel emigrierte und starb am 23. April 1974 in Oxford / Ohio.

Die Lichtburg, auf kreisrundem Grundriß entworfen, dominierte mit ihrer Streifenfassade – abwechselnd Mauerwerk und beleuchtete Fenster – und einer nächtlichen Scheinwerferbeleuchtung den Platz am Bahnhof Gesundbrunnen. Mauerbau und Kinosterben brachten den berühmten Ort ins Abseits. 1970 erfolgte der Abriss.

 

Das Lichtburgforum

Der dritten Eigentümergeneration um den Historiker Michael Wolffsohn gelang es, die gegen heftigen Widerstand der deutschen und alliierten Behörden erreichte Rückführung des Familienbesitzes zu sichern. Mit der im Jahr 2005 abgeschlossenen Modernisierung, die Matthias Muffert und Benita Braun-Feldweg unter dem Schutz der Deutschen Stiftung Denkmalschutz leiteten, erhielten der Wedding und Berlin ein Baudenkmal erster Güte zurück und gewannen mit dem Lichtburgforum einen reizvollen Ort deutsch-türkisch-jüdischer Kultur.

Der Denkmalschutz erstreckt sich ganz bewusst auch auf die Sozialstruktur der Gartenstadt Atlantic. Günstige Mieten und ein auf BewohnerInnen verschiedener Nationen und Angehörige unterschiedlicher Religionen zugeschnittenes Kulturprogramm im Lichtburgforum sorgen dafür, dass auch Menschen mit geringen Einkommen wohnen bleiben konnten.

 

Gerhild H. M. Komander

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2007.

 

Leseempfehlung:

Gerwin Zohlen: Rudolf Fränkel, die Gartenstadt Atlantic und Berlin, Katalog zur Ausstellung im Deutschen Werkbund Berlin, Sulgen: Niggli Verlag 2006. 159 Seiten

 

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