Gerhild Komander

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150 Dahlie schwarz 

Vortrag zur Kunstgeschichte
William Turner
In Zusammenarbeit mit der Galerie 100
Mittwoch, 17.10. 2018, 19.30 Uhr

Kiel Denkmal Revolution 1918 1 150

Vortrag zur Kunstgeschichte
Franz Marc und Auguste Macke
In Zusammenarbeit mit der  VHS Potsdam
Donnerstag, 11.10.2018,
14.00 Uhr

Wilhelmshaven Die See revolutioniert das Land Plakat 150

Vortrag zur Berliner Geschichte
Kriegsende, Revolution und Neubeginn in Berlin 1918/19
In Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf
Dienstag, 6. November 2018, 15.15 Uhr
+
Dienstag, 20. November 2018, 1515 Uhr

 


 

 

150 Schluessel„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt"

Am 9. September 1948 rüttelt Ernst Reuter die Welt auf

 

Man muß sie einmal gehört haben, diese Stimme, die in höchster Erregung, heiser schon, die Worte hinausschrie:

„Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist."

1 736 781 Tonnen Güter auf dem Luftweg nach Westberlin gebracht

Der 9. September 1948 lag mitten im Kalten Krieg, mitten in der Berlin-Blockade. Wie auf dem Photo zu sehen ist, war es ein sonniger Tag. Am 24. Juni des Jahres hatte die sowjetische Militärverwaltung den Passagier- und Güterverkehr aller auf den von Westen nach Berlin führenden Bahnstrecken wegen angeblicher technischer Störungen eingestellt.
Bereits einen Tag später landeten die ersten amerikanischen Flugzeuge mit Lebensmitteln für die Bevölkerung in Westberlin. An dieser als Luftbrücke in die Geschichte eingegangene Versorgung der Stadt beteiligten sich in den nächsten Monaten auch britische Flugzeuge. Insgesamt wurden bis zur Aufhebung der Blockade am 4. Mai 1949 1 736 781 Tonnen Güter auf dem Luftweg nach Westberlin gebracht.

Fast zwei Drittel davon waren Kohlen, sowohl zum Heizen als auch für eine notdürftige Strom- und Gasversorgung. Der dringende Appell von Stadtverordneten und Magistrat an die Vereinten Nationen, den physischen Untergang der Bevölkerung zu verhindern, blieb wirkungslos. Mehr als 9 000 Betriebe mußten die Arbeit einstellen und Kurzarbeit einführen. Zehntausende Menschen verloren ihre Arbeitsplätze. In dieser Situation war der Stadtrat Ernst Reuter eine der wichtigen Integrationsfiguren der Bevölkerung. Seine flammenden Reden ermunterten zum Durchhalten.


„Sieg über die Macht der Finsternis"

Wie die Rede vom 9. September vor 58 Jahren, in der Reuter die Hoffnung auf den „Sieg über die Macht der Finsternis" beschwor. Drei Tage zuvor hatten SED-Demonstranten das Stadthaus besetzt und verhindert, dass die Stadtverordnetenversammlung ihre Sitzung durchführen konnte.

Am 28. September 1963 enthüllte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt das Denkmal für Ernst Reuter, das Bernhard Heiliger entwarf und ein Mahnmal für Frieden und Freiheit zugleich ist. Die „Flamme" steht am Ernst-Reuter-Platz, vor dem Architekturgebäude der Technischen Universität Berlin, zwischen Straße des 17. Juni und Marchstraße.

 

Ein Bericht über die Tagung „Ernst Reuter als Kommunalpolitiker 1922 - 1953" (Technische Universität Berlin, Center for Metropolitan Studies, Landesarchiv Berlin, Deutscher Städtetag, Stiftung Checkpoint Charlie 23. - 24. März 2007, Berlin) ist auf hsozkult.geschichte.hu-berlin.de zu lesen.

Gerhild H. M. Komander

 Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2006.

 

 

Die Rede im Wortlaut

"Lipschitz hat das Wort geprägt, das in uns allen einen lebendigen Widerhall gefunden hat; er hat gesagt: "Wir kommen wieder!" Wir kommen wieder in den Ostsektor Berlins, wir kommen auch wieder in die Ostzone Deutschlands!

Heute ist der Tag, an dem nicht Diplomaten und Generale reden und verhandeln. Heute ist der Tag, wo das Volk von Berlin seine Stimme erhebt. Dieses Volk von Berlin ruft heute die ganze Welt. Denn wir wissen, worum es heute geht bei den Verhandlungen im Kontrollratsgebäude in der Potsdamer Straße, die jetzt zum Stillstand gekommen sind, bei den Verhandlungen später in Moskau in den steinernen Palästen des Kreml. Bei all diesen Verhandlungen wird über unser Schicksal hier gewürfelt. Als vor Wochen diese Verhandlungen anfingen, da war der Appetit des russischen Bären größer als nur [auf] Berlin. Er wollte, daß verhandelt werden sollte auch über ganz Deutschland, und mit der lügenhaften Parole, man müsse die Spaltung Deutschlands verhindern, verschleierte er nur für andere, nicht für uns, seinen Appetit auf den anderen Teil Deutschlands, den er auch noch in seine Hände bekommen will.

Jetzt sind die Verhandlungen zu Berlin zurückgekehrt. Die Generale sind zu einem Stillstand gekommen. Wir leben in einer Pause. In dieser Pause glauben wir, daß es gut ist, wenn die Welt sieht, was das Volk von Berlin wirklich will. Morgen, übermorgen wird man verhandeln über die italienischen Kolonien. Ich weiß nicht, worüber man dann noch verhandeln will. Wir wollen nur eines klar sagen: In all diesem Handeln und Verhandeln wollen wir Berliner kein Tauschobjekt sein!

Uns kann man nicht eintauschen, uns kann man nicht verhandeln, und uns kann man auch nicht verkaufen. Es ist unmöglich, auf dem Rücken eines solchen tapferen, standhaften Volkes ein faules Kompromiß zu schließen. Gewiß, Kompromisse sind der Inhalt jeder lebendigen Politik, aber Kompromisse müssen echte und ehrliche Kompromisse sein. Sie dürfen nicht so geschlossen werden, wie jene telefonischen Vereinbarungen in der Nacht zwischen dem französischen General und dem russischen General, wo der russische General sein Ehrenwort bricht.

Ehe der Hahn dreimal gekräht hatte, war das Ehrenwort Schall und Rauch, und anständige, brave, ehrliche Berliner, Freunde von uns, wurden in Weißgardisten und schwarze Garde verwandelt.

Wir möchten der SED nur einen Rat geben: Wenn sie ein neues Symbol braucht, bitte, nicht den Druck der Hände, sondern die Handschellen, die sie den Berlinern anlegten.

Die Handschellen, die sind in Wirklichkeit das Symbol dieser erbärmlichen Kümmerlinge, die für dreißig Silberlinge sich selbst und ihr Volk an eine fremde Macht verkaufen wollen.

Wenn heute dieses Volk von Berlin zu Hunderttausenden hier aufsteht, dann wissen wir, die ganze Welt sieht dieses Berlin. Denn verhandeln können hier schon nicht mehr die Generale, verhandeln können schon nicht mehr die Kabinette. Hinter diesen politischen Taten steht der Wille freier Völker, die erkannt haben, daß hier in dieser Stadt ein Bollwerk, ein Vorposten der Freiheit aufgerichtet ist, den niemand ungestraft preisgeben kann.

Wer diese Stadt, wer dieses Volk von Berlin preisgeben würde, der würde eine Welt preisgeben, noch mehr, er würde sich selber preisgeben, und er würde nicht nur dieses Volk von Berlin preisgeben in den Westsektoren und im Ostsektor Berlins. Nein, wir wissen auch, wenn sie nur könnten, heute stünde das Volk von Leipzig, von Halle, von Chemnitz, von Dresden, von all den Städten der Ostzone, so wie wir auf ihren Plätzen und würde unserer Stimme lauschen.

Und ich weiß es zutiefst, ich denke an meine alte Stadt Magdeburg, die mich zum. Reichstagsabgeordneten wählte und deren Oberbürgermeister ich war, ehe Hitler uns in die Konzentrationslager steckte. Dieses Volk würde genau so wie damals zu Zehntausenden zu unseren Fahnen, zu den Fahnen der Freiheit eilen und sich mit uns und den Völkern der Welt zu einem großen, unzerstörbaren Bunde vereinigen.

Wenn wir darum heute in dieser Stunde die Welt rufen, so tun wir es, weil wir wissen, daß die Kraft unseres Volkes der Boden ist, auf dem wir groß geworden sind und größer und stärker werden, bis die Macht der Finsternis zerbrochen und zerschlagen sein wird. Und diesen Tag werden wir an dieser. Stelle, vor unserem alten Reichstag mit seiner stolzen Inschrift »Dem Deutschen Volke«, erleben und werden ihn feiern mit dem stolzen Bewußtsein, daß wir ihn in Kümmernissen und Nöten, in Mühsal und Elend, aber mit standhafter Ausdauer herbeigeführt haben. Wenn dieser Tag zu uns kommen wird, der Tag des Sieges, der Tag der Freiheit, an dem die Welt erkennen wird, daß dieses deutsche Volk neu geworden, neu gewandelt und neu gewachsen, ein freies, mündiges, stolzes, seines Wertes und seiner Kraft bewußtes Volk geworden ist, das im Bunde gleicher und freier Völker das Recht hat, sein Wort mitzusprechen, dann werden unsere Züge wieder fahren nicht nur nach Helmstedt, sie werden fahren nach München, nach Frankfurt, Dresden, Leipzig, sie werden fahren nach Breslau und nach Stettin.

Und sie werden auf unseren kümmerlichen, elenden, zertrümmerten, alten, ruinierten Bahnhöfen wieder die zweiten Gleise aufmontieren, die das Symbol unserer wiedergewonnenen Freiheit sein werden, die wir uns, Berlinerinnen und Berliner, in den Kämpfen, die hinter uns liegen, und in den Nöten, die vor uns liegen, erkämpfen müssen und erkämpfen werden.

Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt! Es gibt nur eine Möglichkeit für uns alle: gemeinsam so lange zusammenzustehen, bis dieser Kampf gewonnen, bis dieser Kampf endlich durch den Sieg über die Feinde, durch den Sieg über die Macht der Finsternis besiegelt ist.

Das Volk von Berlin hat gesprochen. Wir haben unsere Pflicht getan, und wir werden unsere Pflicht weiter tun. Völker der Welt! Tut auch ihr eure Pflicht und helft uns in der Zeit, die vor uns steht, nicht nur mit dem Dröhnen eurer Flugzeuge, nicht nur mit den Transportmöglichkeiten, die ihr hierherschafft, sondern mit dem standhaften und unzerstörbaren Einstehen für die gemeinsamen Ideale, die allein unsere Zukunft und die auch allein eure Zukunft sichern können. Völker der Welt, schaut auf Berlin! Und Volk von Berlin, sei dessen gewiß, diesen Kampf, den wollen, diesen Kampf, den werden wir gewinnen!"

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