Gerhild Komander

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Vortrag zur Kunstgeschichte 
Große Namen der Kunst: Raffaello Sanzio
In Zusammenarbeit mit der VHS Potsdam
Dienstag,
30. November 2017,
14 Uhr

150 Engelchen

Stadtführung Berlin Schöneberg 
Der Bayerische Platz, die Orte des Erinnerns und der neue U-Bahnhof
In Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf
Sonnabend, 18. November 2017, 11 Uhr

150 Rom StPeter

Vortrag zur Berliner Kunstgeschichte
Berlins schönste Kirchen – von der Dorfkirche zum Berliner Dom
In Zusammenarbeit mit der Urania Berlin
Dienstag, 19. Dezember 2017, 15.30 Uhr

150 Tulpe 3

 

 Ackerstrae94 150Raus aus Berlin! Die Ackerstraße

Aufhören, wenn es am schönsten ist – das geht hier nicht. Dann verpasst man Geschichte.

Die Stadtführung in der Ackerstraße finden Sie hier ...

 

Die Ackerstraße beginnt am Koppenplatz, Mitte, und endet an der Schwindsuchtbrücke, Wedding. Wer sie entlang spaziert, überwindet – gedanklich – zwei Mauern: zuerst die Stadtmauer von 1737, dann die Berliner Mauer von 1961, die zugleich Bezirksgrenze zwischen Mitte und dem Wedding war.

Die Ackerstraße geht von der Spandauer Vorstadt über die Kolonie Voigtland in den tiefen Wedding. Als sie 1751 bebaut wurde, begann sie jenseits der Stadtmauer, die sich zwischen Torstraße und Linienstraße hinzog. Der Koppenplatz lag am Stadtrand. Stadthauptmann Christian Koppen stiftete 1705 ein Armenhaus in der Armesündergasse, die lange schon Auguststraße heißt. 1855 errichtete Friedrich August Stüler ihm das im Süden des Platzes vor Ort erhaltene Denkmal im Auftrag des Magistrats, das als das älteste in Berlin gilt. Das Armenhaus schloss die Große Hamburger Straße ab, dahinter erstreckte sich der Friedhof bis an die Palisaden der Linienstraße. Den Friedhof hatte die Stadt anlegen lassen.

 

Die Spandauer Vorstadt steht als Ensemble unter Denkmalschutz. Warum erklärt der zweite Blick auf die Hausfassaden und in die Höfe. Berlin ist arm an alten Bauten. Alt heißt älter als 120 Jahre. Der große Teil der heutigen Berliner Altbausubstanz stammt aus der Zeit nach 1890, als die Mietskasernen die Stadt eroberten. In der unteren Ackerstraße stehen Häuser, die älter sind, mindestens zwanzig, manchmal sogar dreißig Jahre. Den Unterschied erkennt auch das ungeübte Auge.

Die sanierten und restaurierten Häuser haben in den vergangenen 15 Jahren Berliner Geschichte den verhaltenen Glanz der Erbauungszeit zurückerhalten. Die Ladenfronten konnten ihre zierlichen gusseisernen Stützen bewahren. Das ist selten geworden in Berlin. Die Häuser der sechziger und siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts ducken sich vor den jüngeren, ihre Geschosse sind erheblich niedriger. Wie die Hofbebauung aussah, ist in der Ackerstraße 9 zu sehen: Ein schmaler und niedriger Flügel schiebt sich in den Hof, nahm Ställe und Werkstätten auf.

 

1884 spazierte der Schriftsteller Julius Rodenberg durch Berlin, auch in Berliner Norden.

„Unter allen Weltgegenden ist es diese, von welcher man in den übrigen am wenigsten weiß; (...) Wohl ist dieses ungeheure Terrain noch weit davon entfernt, mit Häusern bedeckt zu sein, und das meiste, was vorhanden, neuer Anbau, nicht älter als das Jahr 1861. Gewaltige Lücken gähnen noch dazwischen, offenes Feld, Heide: Straßen, kaum in den ersten Anfängen bezeichnet. Nach allen Richtungen gelangt man bald ins Freie, wo sich nur noch in beträchtlichen Abständen voneinander, hier oder dort, ein Haus erhebt, dessen Zusammenhang mit Berlin durch den allgemeinen Baucharakter oder das Straßenpflaster oder die Stränge der Pferdebahn angedeutet wird."*

 

Die Kolonie Voigtland

Acker94 250Jenseits der Torstraße beginnt das Voigtland. 1751-54 ließ Friedrich II. je 15 Doppelhäuser in insgesamt vier Reihen für sächsische Bauhandwerker erbauen. Die Grundstücke an Brunnen-, Acker- und Bergstraße enteignete er dem Magistrat entschädigungslos. Diese Häuser wichen den Mietshäusern. In Potsdam-Babelsberg haben sich die Weberhäuser des 18. Jahrhunderts erhalten. Sie sehen ähnlich wie die der Kolonie Voigtland aus.

 

Julius Rodenberg schrieb 1884:

„Hier, zwischen Hamburger und Rosenthaler Tor, lag nur noch eine Art von Arbeiterkolonie, das sogenannte Neu-Vogtland für die bei den königlichen Bauten beschäftigten Maurer und Zimmerleute aus Sachsen und dem Vogtland, welche während des Sommers in Berlin waren und mit dem Winter in ihre Heimat zurückzukehren pflegten. Der Name des Vogtlandes hat sich noch lange für diese Gegend erhalten und mag erst allmählich, mit der völligen Neugestaltung derselben, abgekommen sein; aber ältere Bewohner wissen wohl, was er zu bedeuten hatte.

Das Vogtland war eine verruchte Stätte der Armut und des Elends, in welche sich niemand sich gern hinauswagte. Ein Pamphlet vom Ende des vorigen Jahrhunderts („Schattenriß von Berlin, 1788") beschreibt es als „eine Vorstadt vor dem Rosenthaler Tore, die den größeren Diebesbanden von jeher zum Schlupfwinkel gedient hat"; (...) Der ehemaligen Bevölkerung von Bauhandwerkern war hier ein hungerndes Proletariat von Webern, Wollspinnern und Tagelöhnern gefolgt, welche, von der übrigen Welt gemieden, dieses Quartier gleichsam für sich allein hatten."*

Vor der Kreuzung Invalidenstraße steht eine von einst vielen Berliner Markthallen, die Markthalle VI mit ihren gusseisernen Stützen, 1868 – 1888 erbaut von Stadtbaurat Hermann Blankenstein. Der Pappelplatz auf der anderen Straßenseite war bis Ende des 19. Jahrhunderts als Marktplatz in Betrieb. Der Markt wurde auf den größeren Arkonaplatz verlegt, aber hier war das Geschäft besser, denn der Arbeiterstrom aus den Industriebetrieben im Wedding kam direkt an ihm vorbei.

 

Die Friedhofsstraße und die Berliner Mauer

Nördlich der Invalidenstraße wird die Ackerstraße zur Friedhofsstraße: Auf der rechten Seite der Elisabethfriedhof, zur benachbarten Vorstadtkirche gehörend, auf der linken der Sophienkirchhof II. Er entstand 1827 „auf dem Acker" und heißt auch Musikerfriedhof: Wilhelm Friedemann Ernst Bach, Albert Lortzing Walter Kollo und Carl Friedrich Bechstein liegen hier begraben. Über die Friedhöfe gelangt man nicht an die Bernauer Straße und muss sie verlassen, um der Ackerstraße weiter zu folgen.

 

Auf der Höhe der Friedhöfe liegt auch das Haus, das nur in der Literatut existiert. Nr. 37 leben die Protagonisten aus dem Roman von Klaus Kordon "Die roten Matrosen". Bis hier reicht der Bezirk Mitte bis zur Verwaltungsreform des Jahres 2001.

Die Bernauer Straße, die die Ackerstraße schließlich kreuzt, war Schauplatz der Weltgeschichte. Die südlichen Häuser gehörten zu Mitte, Fußwege, Straße und nördliche Bebauung zum Wedding. Genau so verlief die Mauer, die deutsch-deutsche Grenze innerhalb Berlins. Rechts von der Ackerstraße steht auf dem einstigen Mauerstreifen die Versöhnungskapelle mit dem Schrippendenkmal, links – jenseits der Bernauer – das Dokumentationszentrum Berliner Mauer, das über einen Aussichtsturm verfügt.

 

Sanierungsgebiet Wedding

Nördlich der Bernauer Straße liegt zwischen Gartenstraße und Schwedter Straße (Prenzlauer Berg) das einst größte innerstädtische Sanierungsgebiet Europas. Hier ließ der Berliner Senat in den siebziger und achtziger Jahren flächendeckend Wohnhäuser abreißen und neu bauen.

Am Haus Ackerstraße 136/137 erinnert eine Gedenktafel an die Schrippenkirche. Constantin Liebich (1847-1928), Journalist und Schriftsteller, gründete 1882 in der Müllerstraße 6 den Verein Dienst am Arbeitslosen. Im Jahre 1900 erhielt er das Haus in der Ackerstraße geschenkt, das als Schrippenkirche berühmt wurde, weil es hier Schrippen und Kaffee gab.

Gegenüber lag Meyer's Hof, Nr. 132/133, den der Velvetfabrikant Jacques Meyer 1874 erbaute. Dreihundert Wohnungen für eintausend Menschen entstanden in fünf hintereinander liegenden Blöcken. 1922 erwarb die Firma Thomas & Keyling die Häuser und ließ sie verfallen, da die Mieteinnahmen für Investitionen zu gering erschienen. Meyer's Hof wurde nun zum Sinnbild für das Wohnungselend der ArbeiterInnen. 1972 wurden das Vorderhaus und ein Querhaus gesprengt. Mehr Häuser hatten den Zweiten Weltkrieg nicht überstanden.

Zwischen 1878 und 1910 gab es in den Häusern und Höfen der Ackerstraße 77 verschiedene Gewerbe und Kleinbetriebe. Fast alle sind mit der Kahlschlagsanierung verschwunden. In der Ackerstraße steht auch eine der frühen Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit. Die Ernst-Reuter-Siedlung am Theodor-Heuss-Weg, eingeweiht 1954, mit 893 Wohneinheiten, war ein Versuch, Wohnen im Grünen zu verwirklichen. Sie wirkte als Keimzelle der späteren Sanierung.

 

Galgenplatz und AEG

In symmetrischer Ausrichtung zum ältesten Gebäude der AEG öffnet sich der Gartenplatz, einst die letzte öffentliche Hinrichtungsstätte der Stadt Berlin. Deshalb hieß der Platz bis 1865 Galgenplatz. Der Richtplatz wurde 1842 aufgehoben, das Gelände als Getreide- und Heumarkt genutzt, bis endlich 1875/76 Gustav Meyer einen Schmuckplatz darauf anlegte. Die katholische Kirche St. Sebastian entstand ab 1890 – als größte katholische Kirche Berlins. Max Hasak entwarf ihre neugotischen Formen, private Spenden finanzierten den Sandsteinbau großenteils.

St. Sebastian gegenüber, in der Ackerstraße 71-76, entwickelte sich ab 1888 der erste Standort der AEG. Emil Rathenau erwarb das Grundstück der Maschinenfabrik W. Wedding und ließ von Franz Schwechten und Paul Tropp die großen Backsteingebäude errichten. Von der Ackerstraße aus erwarb Rathenau Grundstücke bis an die Brunnenstraße. 1897 erhielten die Fabriken an Acker- und Brunnenstraße eine unterirdische Verbindung mit der Versuchsstrecke für die erste elektrische Untergrundbahn der Welt. Werkwohnungen und Sozialleistungen wie die Firmen Schering und Louis Schwartzkopff bot die AEG ihren Leuten damals nicht.

 

AEG 566

 

An der Schwindsuchtbrücke

Am Ende der Ackerstraße steht das Haus Nr. 94, ein spätes Kolonistenhaus, Ende des 19. Jahrhunderts aufgestockt, und harrt der Dinge. An der hier abzweigenden Scheringstraße etablierte Louis Schwartzkopff 1867 seine Maschinenbaufabrik, die er in der Chausseestraße gegründet hatte. Die alten Fabrikgebäude ließ die Nachfolgefirma in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts abreißen.

Quer über Garten-, Liesen- und Scheringstraße, die hier zusammentreffen, spannt – noch – die Schwindsuchtbrücke ihren weiten Bogen. Wer an einem nasskalten, windigen Tag sich hierher begibt, spürt weniger den Hauch der Arbeiter- und Industriegeschichte, sondern ahnt, woher die Brücke, unter der Jahrzehnte tausende Menschen ihren Arbeitsweg Weg nahmen, ihren Namen hat.

 

Ackerstr Schwindsuchtbruecke 566

 

*Julius Rodenberg: Bilder aus dem Berliner Leben, Berlin 1987, S. 134

 

Gerhild H. M. Komander

Der Text erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt" 2007.

 

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Dienstag, 17. April 2018, 11 Uhr

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Sonntag, 4. März 2018,
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