Gerhild Komander

Frauenthemen

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Stadtführung zum Internationalen Frauentag 2018
Sticken, stricken, weben, nähen in Berlin
Frauen und die Textilbranche
In Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf
Sonnabend, 3. März 2018, 11 Uhr

Stadtführung Berlin Friedenau
Von Wagner zu Marlene. Das Friedenauer Frauenviertel und der Friedhof an der Stubenrauchstraße
In Zusammenarbeit mit der VHS Tempelhof-Schöneberg
Sonntag, 4. März 2018, 11 Uhr

Stadtführung zum Internationalen Frauentag
Frauen im Wedding
In Zusammenarbeit mit der VHS Mitte
Donnerstag, 8. März 2018, 14 Uhr

Stadtführung zum Internationalen Frauentag
Frauengeschichte(n) auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof Schöneberg
In Zusammenarbeit mit der VHS Reinickendorf
Sonnabend, 10.3.2018, 11 Uhr

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Waldoff Steiner 19014 150bAber bitte nicht in Hosen!

Weshalb vom Herrenanzug der Claire Waldoff nur die Krawatte übrig blieb

21. Oktober 1884 Gelsenkirchen - 22. Januar 1957 Bad Reichenhall

 

Ein Auftritt im Hosenanzug? Nein, das war vor einhundert Jahren keine angemessene Kleidung für eine Frau, auch nicht auf der Bühne, auch nicht in Berlin. Die kesse Göre auf den Brettern des Kabarett-Theaters Roland von Berlin erhält einen strengen Verweis. Und Lieder von Paul Scheerbart (1863-1915) singen darf sie auch nicht. Drei Jahre zuvor eröffnete Rudolf Nelson, der die Kleinkunst auf der Bühne zur eigenen Kunstform erhob, das Kabarett in der Potsdamer Straße 127/128. Da war die provozierende Dame noch gar nicht in Berlin.

 

Eine Künstlerin mit Hochschulreife

Claire Waldoff, die mit bürgerlichem Namen Clara Wortmann heißt, kommt erst im Jahre 1906 in Berlin an. Direkt aus Kattowitz, wo sie nach einem ersten Engagement in Bad Pyrmont als Schauspielerin auf der Bühne steht. Da ihr die Eltern ein Medizinstudium nicht finanzieren können, wird sie Schauspielerin. Der Wille sich durchzusetzen fehlt ihr nicht. Schließlich hat sie ihre Hochschulreife auf dem 1896 von Helene Lange begründeten Mädchengymnasium in Hannover erworben. Keine leichte Übung für eine junge Frau ihrer Generation. In Gelsenkirchen, ihrer Heimatstadt – hier wird sie am 21. Oktober 1884 geboren -, war das um die Jahrhundertwende noch nicht möglich.

 

Die rheinische Frohnatur wird Berlinerin

In Berlin war 1906 vieles möglich, aber eben nicht alles. Claire Waldoff – den Namen gibt sie sich selbst – hat in der Reichshauptstadt die Auswahl unter vierhundert Bühnen, wenn man all die Lokale mit einer Aufführungskonzession einschließt. Vierhundert Bühnen ... Die rheinische Frohnatur erhält kleine Rollen am Figaro-Theater, das Olga Wohlbrück am Kurfürstendamm leitet, und wechselt zum Kabarett. 1907 ist ein gutes Jahr für sie. Sie erhält das Engagement am Roland von Berlin, begegnet ihrer Lebensgefährtin Olga von Roeder (1886-1963) und rettet die Premiere, weil sie auf den Hosenanzug im „Etonboy-Stil" verzichtet.

 

An der Rettung des ersten Auftritts hat auch Walter Kollo seinen Anteil. Er liefert die Musik zu einem Text von Hermann Frey, der Claire Waldoff auf der Stelle zum Erfolg führt. Das Lied „Schmackeduzchen" begeistert sogar den strengen Kritiker Alfred Kerr, für Waldoff und Kollo beginnt eine lebenslange Freundschaft. In der Reichshauptstadt ist die kleine Sängerin sofort „der Stern von Berlin". Als Rudolf Nelson 1907 nach dem Vorbild am Pariser Montmartre das Kabarett Chat Noir in der Friedrichstraße 165 Ecke Unter den Linden (heute befindet sich dort das Grand Hotel) gründet, tritt Claire Waldoff auch dort auf. Ebenso im Linden-Cabaret, Unter den Linden 22.

 

„Wer schmeißt denn da mit Lehm?"

Claire Waldoff reduziert die Gestik, konzentriert sich auf die Mimik, trägt kurze Haare, eine weiße Hemdbluse mit Krawatte und grölt, wenn es passt, wie eine Berliner Göre. Den Berliner Jargon eignet sie sich in langen Nächten in den Kneipen der Stadt an. Mit Erfolg. Ihr Gesang, ihre Art der Darstellung wird auch außerhalb Berlins höchst populär. Aus dem weiblichen Blickwinkel beschreibt und karikiert sie mit Sympathie und Wärme das Leben der einfachen Leute. Dafür liebt das Publikum sie. Ob sie „Hermann heeßt er" anstimmt oder fragt: „Wer schmeißt denn da mit Lehm?": Ihre Auftritte auf den Berliner Bühnen, 1916 – während des Ersten Weltkriegs - im Apollo-Theater in Königsberg und vor Soldaten begeistern.

 

Eine andere „Art" Frau

Hosen sind nicht nötig, um den Publikum zu zeigen, dass hier eine andere „Art" Frau auf der Bühne steht. Kraft und Selbstbewusstsein, Stimme und Ausdruckskraft der Claire Waldoff sind so groß und stark, dass Zuschauerinnen und Zuschauer ihre geringe Körpergröße und den Mangel an glatter Schönheit kaum wahrnehmen. Sie tritt 1924 in Ausstattungsrevuen auf, gastiert in der Erik-Charel-Revue „An alle".

1926 steht ihre Freundin Marlene Dietrich (1901-1992) als Ersatz für Claire Waldoffs Auftritt in „Von Mund zu Mund" auf dem Plan. Die Dietrich provoziert vier Jahre später in den USA mit dem Film „Marokko" einen Skandal – weil sie Hosen trägt. Regie: Josef von Sternberg.

 

Die Auftritte in den großen Theaterhäusern – nicht zuletzt in der Scala - machen Claire Waldoff einem bürgerlichen Publikum bekannt, die zahlreichen Radio-Sendungen der gesamten deutschen Bevölkerung. Die Kabarettistin verdient gutes Geld und zeigt sozialpolitisches Engagement. 1933 verbietet man ihr, Schallplatten aufzunehmen. Ihr Eintritt in die Reichskulturkammer kann den Anfang vom Ende nicht verhindern. Auftritte mit kurzen Haaren, in Hemdbluse und Krawatte passen nicht in das nationalsozialistische Frauenbild. Ihre langjährige Liebesbeziehung zu Olga von Roeder wird ignoriert.

 

„Rechts Lametta, links Lametta und der Bauch wird immer fetta und in Preußen ist er Meester - Hermann heeßt er!" brüllt das Publikum. Joseph Goebbels verbietet Claire Waldoff, in der Berliner Scala aufzutreten. Sie beschränkt sich auf den Wintergarten und das Kadeko und zieht sich 1940 mit Olga von Roeder nach Bairisch Gmein zurück. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches tritt Claire Waldoff wieder auf. Aber die große Zeit des Kabaretts ist vorbei. 1953 schreibt sie ihre Autobiographie „Weeste noch ...?" Sie stirbt am 22. Januar 1957 in Bad Reichenhall. Ihr Grab befindet sich auf dem Pragfriedhof in Stuttgart.

 

Gerhild H. M. Komander

Der Artikel erschien zuerst im "Berliner Lindenblatt", Nr. 1, September 2007.

 

Leseempfehlung:

Helga Bemmann: Wer schmeißt denn da mit Lehm? Eine Claire-Waldoff-Biographie, Frankfurt a. Main: Ullstein 1994

Claire Waldoff: "weeste noch?" Erinnerungen und Dokumente, hg. von Volker Kühn, Berlin: Parthas-Verlag 1997

Maegie Koreen: Immer feste druff. Das freche Leben der Kabarettkönigin Claire Waldoff, Düsseldorf: Droste Verlag 1997

Ebenfalls interessant ist die Biographie Rudolf Nelsons, die Egon Jameson schrieb: Am Flügel: Rudolf Nelson (= Berlinische Reminiszenzen Bd. 15), Berlin: Haude und Spenersche Verlagsbuchhandlung 1967

 

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Frauen in Berlin

13. Juli 1798 Zarin Alexandra Feodorowna, geborene Prinzessin Charlotte von Preußen, wird in Charlottenburg, im Schloß geboren.
19. Juli 1968 Die Schauspielerin und Puppenkünstlerin Käthe Kruse stirbt in Murnau am Staffelsee.
26. Juli 1928 Die Schauspielerin Maria Barkany stirbt in Berlin.
27. Juli 1968 Lilian Harvey (Lilian Helen Muriel Pape), Schauspielerin, stirbt in in Juan-les-Pins, Frankreich.
27. Juli 1988 Brigitte Horney, Schauspielerin, stirbt in Hamburg.
29. Juli 1818 Clara Wilhelmine Oenicke, Historien-, Porträt- und Genremalerin, wird in Berlin geboren.

4. August 1808 Die Schriftstellerin Luise Johanna Leopoldine von Blumenthal, geb. von Platen stirbt in Berlin.
7. August 1928 Die Schauspielerin Helen Vita kommt in Hohenschwangau zur Welt.
9. August 1938 Die Schauspielerin Paula Conrad-Schlenther stirbt in Berlin.
25. August 1868 Die Schauspielerin und Dramatikerin Charlotte Birch-Pfeiffer stirbt in Berlin.
30. August 1948 Alice Salomon, Politikerin und Sozialpädagogin, stirbt in New York.

11. September 1998 Vera Lourrié, Lyrikerin, stirbt in Berlin.
19. September 1848 Margarete Hoenerbach, Malerin, Grafikerin, Medailleurin und Bildhauerin, kommt in Köln-Deutz zur Welt.
23. September 1938 Die Schauspielerin Romy Schneider (Rosemarie Magdalena Albach) kommt in Wien zur Welt.
24. September 1978 Die Chemikerin Ida Eva Noddack stirbt in Bad Neuenahr.
30. September 2008 Die Schriftstellerin Christa Reinig stirbt in München.

 

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